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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2018
Gottverlassen
Findet die katholische Kirche aus ihrer selbstverschuldeten Misere?
Der Inhalt:

Alte Wurzeln, neu entdeckt

Junge Polen entdecken das Judentum als spirituelle Heimat. Nicht allen Juden gefällt das

Iza heißt jetzt Rachel Rivka. Die langen blonden Haare hat sie zu einem Schopf hochgesteckt. Ein Tuch bedeckt ihre Schultern, als sie mit klarer Stimme ein Loblied auf Hebräisch anstimmt: »Baruch haba b’Shem Adonai.« Gesegnet ist er, der kommt im Namen des Herrn. Es ist Freitagabend in der Synagoge der Gemeinde Beit Warszawa in Wilanów, einem südlichen Wohnbezirk von Warschau. Während hinter den gekippten Fenstern des zum Gebetssaal umfunktionierten Wohnzimmers die Sonne untergeht, feiern sie den Beginn des Sabbat. Seit Iza zum Judentum konvertierte und Rachel Rivka wurde, ist sie Shatz – eine Laienpredigerin. Bald wird der Gesang rhythmischer. Es wird geklatscht, die Hüften wiegen sich im Takt. Viele junge Leute sind gekommen. »Shiru haleluya l’Adonai!« Sing Halleluja unserem Herrn. Jeder darf die Freude hören, gerade auch draußen auf der Straße.

Es ist ein schwieriges Jahr für die Juden in Polen. 75 Jahre nach dem Warschauer Ghettoaufstand und 50 Jahre nach dem Beginn einer antisemitischen Hetzjagd durch das kommunistische Regime brachen sich in den vergangenen Monaten erneut antijüdische Hassparolen Bann. Ermutigt von einer Regierung, die patriotische Heldenepen schreiben möchte und jede Kritik daran als Nestbeschmutzung verfolgt. Trotzdem – oder vielleicht auch deshalb – entdecken gerade junge Polen das Judentum als spirituelle Heimat. Nicht nur solche mit jüdischen Wurzeln.

»Ein bisschen Opposition gehört schon dazu«, sagt Rachel Rivka lächelnd. Sie hat den Wein gesegnet und das Brot mit den Gemeindemitgliedern gebrochen, bevor sich alle um den langen Tisch zum gemeinsamen Mahl setzen. Mehr als ein halbes Leben lang war die Vierzigjährige Katholikin. Wie heute 87 Prozent der Polen. Jüdische Vorfa