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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2016
»Schaut doch mal rein in die Bibel!«
Bodo Ramelow über Christsein und Kapitalismus
Der Inhalt:

Wer ist das Volk?

von Konrad Weiss vom 07.10.2016
Zum Jahrestag der Friedlichen Revolution am 9. Oktober: die Rechtspopulisten und die Demokratie, die wir meinten

Als wir am 12. September 1989 in einer Wohnung in Berlin die Bürgerbewegung Demokratie Jetzt gründeten, hat uns bei der Namensfindung das entschlossene Peace now! der israelischen Friedensbewegung inspiriert. Wir wussten: So dringend wie Israel den Frieden braucht unser Land, die DDR, die Demokratie. Demokratie als Grundlage einer solidarischen Gesellschaft, in der Rechtsstaatlichkeit und soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte gewahrt sind. Der entscheidende Satz in unserem Programm war, dass wir nicht Objekte, sondern Subjekte politischen Handelns sind.

Unsere politischen Vorstellungen waren geprägt vom Geist der Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Zwischen 1986 und 1989 hatten sich daran zahlreiche Gemeinden und tausende Gläubige aus allen Kirchen mit Eingaben, Vorschlägen und Diskussionen beteiligt. Diese spiegelten sehr genau und sehr kritisch die Lebenswirklichkeit in der DDR wider. So intensiv und erfüllt von ökumenischem Geist konnte das wohl nur in einer von außen bedrängten Gemeinschaft geschehen. Katholische und evangelische Christen, Laien und Theologen haben gemeinsam an einem neuen Gesellschaftskonzept gearbeitet. Unter den Teilnehmern waren viele, die dann aktiv an der Friedlichen Revolution beteiligt waren. Am 9. Oktober 1989 fand sie den Durchbruch. So sind die Gedanken der Ökumenischen Versammlung unmittelbar politisch wirksam geworden.

Hunderttausende haben sich damals aktiv auf den Weg zu Demokratie gemacht, sind von Objekten zu Subjekten des politischen Handelns geworden, haben aktiv an der Umgestaltung der DDR mitgewirkt. Nur wer zuvor unter Repressionen und politischer Entmündigung gelitten hat, kann ermessen, wie kostbar Demokratie und Freiheit sind. Ich war 48 Jahre alt, als ich am 18. März 1990 zum ersten Mal frei wählen durfte. Auch wenn das Ergebnis für die Bürgerbewegungen enttäuschend war – dass diese Wahl stattgefunden hatte, war das Entscheidende.

Heute jedoch scheint diese Demokratie, die wir 1989 erkämpft haben, ernsthaft bedroht. Wir hatten schon bald zu begreifen, dass Demokratie kein Zustand, sondern eine immerwährende Aufgabe ist, dass sie beschützt und verteidigt werden muss. Verteidigt gegen die Gleichgültigkeit und Verachtung ihrer Bürger, gegen eine auswuchernde Bürokratie, gegen den Allmachtswahn der Parteien, gegen den übermächtigen Staat. Wenn Parteien meinen, den

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