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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2016
»Schaut doch mal rein in die Bibel!«
Bodo Ramelow über Christsein und Kapitalismus
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Stichhaltig

vom 07.10.2016

Ssssssss … Es summt. Irgendwo in meinem Schlafzimmer. Leise und heimtückisch. Und es hört auch nicht wieder auf. »Ist das Wetter nicht längst viel zu kalt für Mücken?«, denke ich schlaftrunken und starre in die Dunkelheit. Aber dieses penetrante Insekt scheint das nicht zu interessieren. O Mann, ich war schon fast weggedämmert – und jetzt ist da dieser widerwärtige, sirrende Ton in der Luft. Wie eine Alarmsirene, die eine äußerst reale Bedrohung ankündigt.

Schon seit meinen Kindheitstagen sagt meine Mutter immer: »Mein Sohn, du bist ein Süßer!« Womit sie bedauerlicherweise nicht mein Aussehen meint, sondern mein Blut. Ja, ich kann mit fünfzig Personen in einem Raum schlafen – und die einzige Mücke der gesamten Region wird mich erwählen, um ihren abscheulichen Rüssel feixend in mich zu versenken. Als hätte ich überall Tätowierungen auf der Haut: »Bitte hier stechen!«

Sssssss … Wie immer stellt sich dann die Frage: Was soll ich bloß machen? Mich trotz aller Müdigkeit aufraffen und das vermaledeite Vieh mit einem Pantoffel quer durchs Zimmer jagen – oder mich meinem Schicksal ergeben? Und dann trotzdem nicht einschlafen? Weil das Schlimme ja nicht das Summen ist. Sondern der Moment, in dem das Summen aufhört. Und du weißt: Jetzt hockt das Monster irgendwo auf mir und sticht zu. Das sind so Momente, in denen in mir eine tiefe Abscheu gegenüber bestimmten Erscheinungsformen der Schöpfung aufsteigt. Wer, um Gottes willen, braucht Mücken?

In Ägypten hat Gott die Mücken ja extra eingesetzt, um den Pharao für seine Sturheit zu strafen. Die Dinger sind also nachweislich eine Plage. Mehr noch: eine Geißel Gottes. Eine himmlische Strafe. Habe ich was falsch gemacht? Was will mir der Himmel an diesem Abend in meinem Schlafzimmer mit einer nachsommerlichen Mücke sagen?

Mal ganz ehrlich: Hätte Gott das Thema »Mücken« nach ihrem Einsatz in Ägypten nicht ein für alle Mal beenden können? Mit einer gigantischen Fliegenklatsche? Einmal Batsch. Und Schluss!

Ssssssss … Einen Moment frage ich mich, ob ich nicht in meinem Kopf aus einer Mücke einen Elefanten mache. Aber der hinterhältige Unruhestifter ist ja nicht nur blutdürstig, er sorgt auch dafür, dass ich mich nach dem Stich wieder ständig kratzen werde. Ja, ich weiß, dass ich das nicht soll, aber es juckt halt so. Ständig führt mir so ein ätzender Stich vor Augen, dass ich m

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