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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2016
»Schaut doch mal rein in die Bibel!«
Bodo Ramelow über Christsein und Kapitalismus
Der Inhalt:

Er ist seiner Zeit voraus

von Peter Eicher vom 07.10.2016
25 Jahre nach der kirchlichen Verurteilung von Eugen Drewermann: Eine Betrachtung in drei Kapiteln

Das Urteil: Der Angeklagte wusste, dass er ohne seine Verurteilung nicht beweisen konnte, wie recht er hatte. Er war es dem Christentum schuldig, sich verurteilen zu lassen. Wie anders hätte er die klerikalen Richter öffentlich ihres Selbstwiderspruchs überführen können?

Eugen Drewermanns Klage lautet, dass die Kleriker der römisch-katholischen Hierarchie, statt religiös zu existieren, Dogmen verteidigen. Der dogmatische Missbrauch des Evangeliums zerstöre nicht nur den poetischen, therapeutischen und sozialen Sinn der Botschaft Jesu, er halte die Angehörigen der römisch-katholischen Kirche auch in einer absurden Angst vor Gott fest.

Dem Privatdozenten wurde am 8. Oktober 1991 wegen dogmatisch »falscher« Formulierungen erst das Lehramt, dann im Januar 1992 das Priesteramt entzogen. Die damals verurteilte symbolische Auslegung der Bibel wird heute problemlos in allen Kirchen nachgebetet. So ziemlich alles, was heute mühsam nachbuchstabiert wird – etwa die Sakramente für wiederverheiratet Geschiedene oder die ökologischen Konsequenzen der katholischen Ethik –, stand bei Drewermann schon 1991 als katholischer Standard fest. Die Wirkung war in Frankreich, in den deutschsprachigen Ländern, in Italien, Polen, Brasilien und in den USA stets dieselbe: Es wurde verstanden, dass die Kritik am Dogmatismus der Hierarchie die Voraussetzung eines frei gewordenen Christentums in der Gegenwart sei.

Die religiöse Existenz: Vor 250 Jahren hat Jean-Jacques Rousseau in seinem pädagogischen Hauptwerk »Émile oder Über die Erziehung« seinem Émile erklärt, was Religion sei. Als assoziierender Spaziergänger nahm er die Kunst der Psychoanalyse und die Notwendigkeit einer neuen Verwurzelung des Menschen in der Natur vorweg. Die innere Religiosität, erklärte der savoyardische Vikar im großen Erziehungsroman der Moderne, sei etwas anderes als das, was die Theologen und die Priester verwalteten. Sie sei jedem Menschen ins Herz geschrieben. Gott sei durch die Natur vernehmbar, insbesondere durch die Natur des Menschen. Und was da – auch beim Spazierengehen – zu vernehmen sei, könne durchaus als freundlicher Wink eines gütigen Gottes verstanden werden. Deshalb seien wir nicht auf Offenbarungen angewiesen, die einem auserwählten Volk oder einer »wahren Religion« zuteil geworden seien. Für die Christen gen

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