Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2016
»Schaut doch mal rein in die Bibel!«
Bodo Ramelow über Christsein und Kapitalismus
Der Inhalt:

Die Marionettenspieler

von Firat M. Haciahmetoglu vom 07.10.2016
Wenn der Westen alles Gute dieser Erde für sich beansprucht, was bleibt dann noch für den Rest der Welt? Überlegungen eines jungen türkischen Philosophen

Ich sitze auf einem Platz in einer europäischen Kleinstadt. Es ist ein warmer Herbsttag, um mich herum sind überall Menschen in den Bars und Cafés, die Stimmung ist gelöst und friedlich. Zu meiner Rechten sitzt eine indische Familie, am Tisch daneben ein junges Paar, das sich gelegentlich küsst, weiter hinten eine Gruppe junger Männer, die Cola trinken und rauchen. Dann gehen zwei Mädchen in kurzen Hosen vorbei, die eine weiß, die andere schwarz. Lachen liegt in der Luft, ein Gewirr verschiedener Sprachen. Und ich frage mich, warum die Szene, die ich gerade beobachte, so nicht möglich wäre in dem Land, in dem ich geboren bin. Gedanklich verlege ich diesen Platz in eine Kleinstadt in der Türkei. Ich stelle mir vor, dass viele diesen Platz ganz anders beurteilen würden als ich: Für sie bestünde er aus Fremden, die eine andere Sprache sprechen. Aus Frauen, die meinen, tragen zu können, was sie wollen. Aus Pärchen, die glauben, sich öffentlich zu küssen, sei normal. Aus Menschen, die einfach anders sind.

Ich frage mich, warum sie diese Andersartigkeit so abstoßend finden, warum sie »uns« so hassen, so voller Wut sind, so wenig tolerant. Alleine an der Herkunft kann es nicht liegen, ich bin schließlich auch Türke. Vielleicht liegt es an der Globalisierung und einem kosmopolitischen Lebensstil, mit dem nicht alle Schritt halten können. Vor allem aber liegt es wohl an der Geschichte. Geschichte in nichtwestlichen Ländern ist wie eine Wunde, die den Kontrast zwischen der »Goldenen Vergangenheit« und der gegenwärtigen Armut offenbart. Die Menschen, die nicht zum Westen gehören, haben das Gefühl, ihnen wurde großes Unrecht angetan. Denn sie wurden jeglicher Tugenden und Möglichkeiten beraubt, indem der Westen alles Gute dieser Welt für sich vereinnahmt.

Wenn der Westen aber meint, ein Monopol auf all das zu haben, das für Menschlichkeit, Vernunft, Geschichte, Schönheit, Erfolg, Wahrhaftigkeit steht, was bleibt dann für die anderen? Manche meinen, eine Lösung bestünde darin, so zu tun, als gäbe es »den Westen« und den »Rest der Welt« gar nicht als Gegensätze. Sie glauben, das Gefühl des Verletztseins verschwinde, wenn wir einfach die Grenzen ausradieren. Diese Versuche sind nicht nur gescheitert, sie haben der nichtwestlichen Welt schlichtweg keinen Platz mehr gelassen, um zu existieren, um etwas zu werden.

Das alles mag so klingen, als sei ich einer von denen, die alle Schu

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen