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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2014
Revolutionäre, wo seid ihr geblieben?
Der Herbst 1989 und sein Erbe
Der Inhalt:

»Was mich wütend macht«

von Reinhard Olma vom 10.10.2014
Der Vatikan sollte sich entschuldigen für das, was er Geschiedenen wie mir antut

Im Herbst 1985 war die Scheidung. Davor und danach war Verletztsein und Unsicherheit. Dennoch mussten die wichtigsten Dinge schnell geregelt werden: der Umgang mit den Kindern, neue Wohnung, Unterhaltsverpflichtungen und – ja tatsächlich – das Weiterleben und Arbeiten.

Dann kam der Herbst 1989 mit den besonderen Herausforderungen für alle Ostdeutschen, so auch für mich. In dieser Zeit, im Juni 1990, heiratete ich zum zweiten Mal. Heute, kurz vor der Silberhochzeit, sind die Beziehungen zu allen Kindern und Enkeln von Glück und Harmonie geprägt, und auch das Verhältnis zu meiner ersten Frau und deren Partner ist gut.

Zum Zeitpunkt der Wiederverheiratung hatten wir einen alten Pfarrer, der uns immer freundlich begegnete. Gerne taufte er unsere Tochter, obwohl meine Frau nicht christlich gebunden ist. Dass ich aber keine Kommunion empfangen durfte, das war für ihn eine nicht hinterfragte Selbstverständlichkeit.

Anfang der 1990er-Jahre habe ich unter dieser Situation gelitten. 1993 zogen wir ins ländliche Umfeld von Magdeburg und konnten uns in der neuen Gemeinde zunächst sehr engagieren. So habe ich unter anderem meine fachliche Kompetenz als Betriebswirt zwölf Jahre lang in den Kirchenvorstand (andernorts: Verwaltungsrat genannt) eingebracht. Mit Pfarrerwechseln und der einsetzenden Gemeindefusion erlebte ich dann deutlichere Zeichen von Ausgrenzung, die bei besonderen Anlässen, wie zum Beispiel der Erstkommunion unserer Tochter, sehr schmerzhaft waren.

Eine einschneidend andere Erfahrung machten wir beim Bergwandern in den Alpen: Ganz selbstverständlich wurde ich von österreichischen Pfarrern zur Eucharistie eingeladen, wie Christen anderer Konfessionen auch. »Wem die Hostie mehr ist als nur ein Stück Brot, der ist eingeladen«, sagte ein alter Pfarrer bei einer Heiligen Messe auf einem Berggipfel im Salzburger Land. Diese Selbstverständlichkeit hatte es gelegentlich auch früher gegeben, als wir zum Beispiel während der Studentenzeit in den 1970er-Jahren in der DDR als Gospelchor unterwegs waren.

Das gute Gefühl, trotz Scheidung und Wiederheirat dennoch in der Kirche angenommen zu sein, wich bald dem Ärger und der kritischen Frage, wie es sich die katholische Kirche anmaßen kann, derart diskriminierende Verbote auszusprechen, die im krassen Gegensatz zu allem stehen, was Jesus von Nazareth vorgelebt hat.

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