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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2014
Revolutionäre, wo seid ihr geblieben?
Der Herbst 1989 und sein Erbe
Der Inhalt:

Aufwachen aus dem Dämmerschlaf!

von Ruth Misselwitz vom 10.10.2014
Der Weg in die Freiheit beginnt mit dem Durst nach Wissen, dem Hunger nach Gerechtigkeit und dem Verweigern von Beruhigungspillen. Anmerkungen zu einer unerledigten Revolution

Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten.« Dieser verwunderte Ausspruch eines führenden DDR-Funktionärs machte im Oktober 1989 die Runde. Am 7. Oktober wollte die DDR ihren 40. Geburtstag feiern. Im Lande aber brodelte es. Überall gab es Protestaktionen und Demonstrationen. In Berlin kam es vor der Gethsemanekirche zu Übergriffen auf die Demonstranten. Andernorts sah es nicht anders aus. Die Armee stand in Alarmbereitschaft, die Kampfgruppen und Bereitschaftspolizei wurden in Stellung gebracht. Dann kam der entscheidende 9. Oktober. In Leipzig befürchteten die Menschen, dass bei der Montagsdemonstration bewaffnete Truppen zum Einsatz kommen könnten. Da kam der Aufruf zur Gewaltlosigkeit aus den Kirchen wie auch von einer Gruppe um den Dirigenten Kurt Masur. Das Wunder geschah. Trotz Drohungen und großer Angst kamen 70 000 Menschen, und die Armee griff nicht ein. Die Revolution nahm ihren gewaltlosen Verlauf.

Als vor 25 Jahren diese Ereignisse uns überwältigten, bekam eine Geschichte aus dem Alten Testament eine besondere Bedeutung. Es war die Geschichte der Befreiung des Volkes Israel aus dem Sklavenhaus Ägypten. Sie gehört zu den wichtigsten theologischen Überlieferungen in der Bibel. In ihr offenbart sich Gott seinem Volk Israel als ein Gott, der aus Unterdrückung befreit. Der Gott Israels ist ein Gott der Befreiung – diese jüdische Theologie, aus der auch Jesus seinen Glauben schöpfte und der die Grundlage der christlichen Theologie bedeutet, ist bis heute aktuell.

Die Theologie der Befreiung, die in den 1970/80er-Jahren in Lateinamerika entstand und in der sich viele Priester mit den armen und unterdrückten Teilen des Volkes gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung verbündeten, bezog aus dieser Geschichte ihre Kraft und bot auch uns in der DDR immer wieder Grund zur Hoffnung. Doch der Weg aus Versklavung in die Freiheit ist ein ebenso gefährlicher wie unbequemer Weg. Das gelobte Land wird einem nicht einfach so in den Schoß gelegt, da gilt es, eine Wüste zu durchwandern, die Gefährdung – aber auch Reinigung bedeutet.

Und wir – haben wir das gelobte Land mit der Friedlichen Revolution erreicht? War es das, was uns Gott versprochen hat? Sind wir nun endlich angekommen in der Demokratie und in der Freiheit? Wir sind froh und dankbar für den Fall der Mauer, für die Vereinigung eines demokratischen Europas und für den

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