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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2013
Gehätschelt und doch betrogen?
Familien in Deutschland
Der Inhalt:

Pirat für die Umwelt

von Bernhard Clasen vom 11.10.2013
Dmitrij Litvinov, Sprecher von Greenpeace, protestierte gegen die Ölförderung im Nordmeer. Nun drohen ihm 15 Jahre Haft

Seit Ende September wartet Dmitrij Litvinov in einer Einzelzelle im Untersuchungsgefängnis von Murmansk auf der russischen Kola-Halbinsel unweit der finnischen Grenze auf sein Gerichtsverfahren. Am 2. Oktober wurde gegen ihn als Besatzungsmitglied des Greenpeace-Schiffes »Arctic Sunrise« Anklage erhoben wegen bandenmäßiger Piraterie. Darauf stehen 15 Jahre Haft. Das »Verbrechen«: Mehrere Crew-Mitglieder der Arctic Sunrise hatten sich am 18. September mit Schlauchbooten einer Ölplattform des Staatskonzerns Gazprom im Nordmeer genähert, um auf ihr ein Transparent gegen die Ölförderung in der Arktis anzubringen. Er fühle sich an die finsteren Zeiten der Schauprozesse des Jahres 1937 erinnert, als die Anklagen im Fünf-Minuten-Takt erhoben worden waren, kommentierte Greenpeace-Anwalt Michail Krejndlin die Anklage gegen Litvinov und die 29 anderen Greenpeacer der Arctic Sunrise.

Dabei stammt Dmitrij Litvinov aus einer Familie, die vor Generationen zur sowjetischen Elite gehörte. Maxim Litvinov, der Urgroßvater von Dmitrij Litvinov, war fast zehn Jahre sowjetischer Außenminister, bevor ihn Josef Stalin 1939 durch Wjatscheslaw Molotow ablöste. Ein jüdischer Außenminister passte dem sowjetischen Diktator kurz vor der geplanten Annäherung an Hitler-Deutschland mit dem Ribbentrop-Molotow-Pakt nicht ins Konzept.

Dmitrij Litvinov ist nicht das erste Mal in russischer Haft. Schon 1987 wurde er bei einer Fahrt mit einem Greenpeace-Schiff zur Insel Nowaja Semlja im Nordmeer, wo die Umweltschützer gegen Atomversuche protestierten, von sowjetischen Sicherheitskräften verhaftet. Erst eine Anordnung des damaligen Präsident Mihail Gorbatschow brachte ihm nach zwei Wochen Untersuchungshaft die ersehnte Freiheit. Abschrecken konnte ihn diese Erfahrung nicht. Auch in den folgenden Jahren war Litvinov immer wieder auf Schiffen von Umweltschützern im Nordmeer unterwegs, um gegen die Zerstörung des fragilen Ökosystems Arktis zu demonstrieren.

Mehr als seine Greenpeace-Kollegen weiß der rheumakranke Dmitrij Litvinov, der die US-amerikanische und schwedische Staatsbürgerschaft besitzt, was Strafvollzug in Russland bedeutet. Als Kind lebte er mit seiner Mutter Maja Litvinova, der Tochter des russischen Dissidenten und langjährigen sowjetischen Strafgefangenen Lew Kopelew, und seinem Vater Pawel Litvinov drei Jahre in sibirischer

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