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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2013
Gehätschelt und doch betrogen?
Familien in Deutschland
Der Inhalt:

Die Trommel des Schamanen

von Annelie Keil vom 11.10.2013
Im matten Schein des Mondes schaute mich stumm das Gesicht eines alten Indianers
an und lehrte mich: Der Mensch kann alle Stimmen hören und die eigene erheben

Es war eine stille Sommernacht in Arizona vor über zwanzig Jahren. Ich lag in meinem kleinen Zelt, heulte mir die Seele aus dem Hals und wusste nicht, warum ich mich mitten in einer schweren Lebenskrise entschlossen hatte, zwei Wochen lang mit einer Meditationsgruppe auf einem Floß durch die Stromschnellen des Grand Canyon zu rudern und mich abends im Zelt zwecks Sinnsuche dem Schweigen der Nacht auszusetzen. Ein abgerissener Fußnagel hatte sich entzündet und schmerzte wie mein aus den Fugen geratenes Leben. Ich starrte Löcher in den Himmel, und als hinter der gegenüberliegenden Felswand friedlich ein wunderbarer Mond aufging, verstärkte sich das Gefühl, von Gott und allen Menschen verlassen zu sein. Von Romantik oder Trost konnte keine Rede sein. Der Glaube an irgendeine Kraft, die die Welt beschützend zusammenhält und dem Leben Sinn verleiht, war mir abhandengekommen.

Plötzlich entdeckte ich durch meinen Tränenschleier hindurch oben auf dem Felsen eine sitzende Gestalt. Im matten Schein des Mondes schaute mich wie auf einer Kinoleinwand stumm das Gesicht eines alten Indianers an, während unter ihm eine Leuchtschrift mit dem Wort »Katmandu« über die Felswand lief. Das von mir so projizierte Bild blieb eine Weile stehen. Auch wenn ich völlig irritiert meinen Augen nicht traute, wurde ich ganz ruhig, hörte auf zu weinen und hatte das feste Gefühl, dass ich ganz persönlich angesprochen war, warum und wozu auch immer. Benommen wachte ich am nächsten Tag auf. Stumm begleitete das visionäre Gesicht die weitere Canyon-Tour, das Erlebte verblasste. Zurück in Deutschland hatte mich die konkrete Krise wieder fest im Griff.

Etwa ein halbes Jahr nach dieser Reise lese ich in einem amerikanischen Journal über Schamanismus in Nepal eine kleine Anzeige, in der die Möglichkeit angeboten wurde, die Arbeit von Tamangschamanen aus dem Himalaja in Katmandu kennenzulernen. Ich erinnere mich an das Wort »Katmandu« in der Leuchtschrift auf dem Felsen, und da ich mich wissenschaftlich schon länger mit dem Vergleich von Heilkulturen und Gesundheitsritualen beschäftige, ist meine Neugier in doppelter Weise geweckt. Ich buche einen Flug. In Katmandu angekommen, nehme ich den angegebenen Kontakt auf und begebe mich zu einem Haus am Rande der Stadt, in dem die Sitzungen mit den Schamanen stattfinden. Ich stelle mein Gepäck ab, ziehe die Schuhe aus und werde in einen überfüllten Raum geleitet, in dem einer der anwes

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