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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2013
Gehätschelt und doch betrogen?
Familien in Deutschland
Der Inhalt:

Heimkehr an den fremden Ort

von Thomas Schneider vom 11.10.2013
Bosnien-Herzegowina ist nach dem Krieg noch immer ein geteiltes Land.
Suncica, Armin und viele andere junge Menschen versuchen Brücken zu bauen

Einen guten Witz muss man erzählen, auch wenn man nicht weiß, ob jemand darüber lachen wird. Armin Cerkez zum Beispiel sagt über seine Kollegin Suncica Pasalic: »Sie ist ein spezieller Fall: Sie hat einen muslimischen Vater und eine serbische Mutter, aber sie funktioniert ganz normal.« Suncica lacht, und damit dürfte sie zu einer Minderheit gehören: Bei nationalen Fragen verstehen viele in Bosnien-Herzegowina 18 Jahre nach dem Krieg keinen Spaß.

Die beiden arbeiten in Mostar für die Jugendorganisation Youth Power, die sie selbst gegründet haben. Ihr Ziel ist es, Jugendliche der verschiedenen Ethnien zusammenzubringen. Kürzlich haben Suncica und Armin eine Gruppe kroatischer katholischer Schüler zu einem Ausflug in die muslimische Hälfte der Stadt begleitet. »Dieser Ausflug war für unsere Jugendlichen ein echtes Abenteuer«, sagt Armin. Mostars Wahrzeichen, die historische Brücke über die Neretva, ist nach der Zerstörung im Krieg 1993 zwar längst wieder aufgebaut, aber die Teilung der Stadt ist geblieben, ganz ohne Mauer. »Manche Eltern«, sagt Armin, »hatten ihre Kinder vorher gewarnt, die Muslime jenseits der Brücke würden sie angreifen.«

Armin Cerkez tourt durch die Schulen auf beiden Seiten der Stadt, wirbt bei Lehrern, dass sie auffällige Jugendliche in die Anti-Gewalt-Seminare schicken, die Youth Power organisiert. Es hat sich herumgesprochen, dass der Verein gute Arbeit macht. Zu Anfang half Armin sein deutscher Vorname. Den hat er, weil seine Tante, die seit Langem in Friedrichshafen lebt, ihn schön fand. Im Nachkriegsbosnien ist es von Vorteil, Armin zu heißen: »Keiner erkennt schon am Namen, ob ich Bosniak, Kroate oder Serbe bin, das macht mich für alle akzeptabel.«

Suncica und Armin sind der ethnischen Zuordnungen überdrüssig. Ebendiese sind derzeit allerdings besonders gefragt: Zum ersten Mal nach mehr als zwanzig Jahren läuft eine Volkszählung in Bosnien-Herzegowina. Dabei sollen sich die Bürger auch zu ihrer Nationalität und Religion erklären. Parteien fordern ihre jeweilige Klientel auf, sich zu bekennen. Auch in Kirchen und Moscheen wird geworben. Die Ergebnisse werden in wenigen Wochen vorliegen. Suncica schwant nichts Gutes: »Die Politiker werden die Ergebnisse nutzen, um in ihrer Stadt oder Gemeinde Geld und Rechte einzufordern, natürlich jeweils nur für Kroaten, Serben oder Bosniaken.« Leben in der abgeschlossenen Comm

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