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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2012
Wenn es den Himmel gäbe
Gott in der Literatur der Gegenwart
Der Inhalt:

Tief verletzt

von Doris Weber vom 05.10.2012
Durch den Türspalt sah die jüngere Schwester, wie die ältere Schwester sich Arme und Beine einsalbte. Ihre rechte Körperhälfte war übersät mit blauen Flecken und blutigen Schrammen

Sie wohnen bald neunzig Jahre lang in ihrem Elternhaus zusammen. Die beiden Schwestern, deren Männer aus dem Krieg nicht mehr heimkehrten. Die Jüngere pflegt den Garten, kocht und bügelt, die Ältere macht die Einkäufe und erledigt alle geschäftlichen Formalitäten. Wenn eine der Schwestern das Haus verlässt, verabreden sich die beiden: damit die andere sich keine Sorgen machen muss. »Um zwölf Uhr bin ich wieder da.« Und immer sind sie pünktlich, weil sie wissen, dass jede Minute Verspätung den Blutdruck der anderen in die Höhe treibt.

Seit einiger Zeit jedoch ist alles anders. Oft steht die jüngere Schwester am Gartentor und wartet, nestelt nervös an der Schürze, dreht den Kopf nach rechts und nach links. Ihre Augen schauen besorgt, und wenn Nachbarn vorbeigehen, dann tut sie so, als wäre nichts, zupft ein bisschen Unkraut und poliert den Türgriff. Sobald sie sich unbeobachtet fühlt, lehnt sie sich wieder weit über den Gartenzaun und schaut suchend hin und her. Bis sie endlich auftaucht, am Ende der Straße – dann verschwindet die jüngere Schwester rasch in der Wohnung, damit die ältere ihre Sorge nicht bemerkt.

Vor drei Wochen, da ist es geschehen. Da kam die ältere Schwester zu spät nach Hause. Und sagte kein Wort. Schweigend zog sie sich ins Badezimmer zurück. Später setzte sie sich an den Mittagstisch und übersah die fragenden Blicke ihrer jüngeren Schwester. Ganz still blieb es, bis zum Abend und auch noch am nächsten Morgen. Es war nur ein dummer Zufall, dass der Wind durch das Fenster wehte und die angelehnte Tür zum Badezimmer leise öffnete. Durch den Spalt sah die jüngere Schwester, wie die ältere Schwester sich Arme und Beine einsalbte. Ihre rechte Körperhälfte war übersät mit blauen Flecken und blutigen Schrammen. Die Jüngere schrie auf vor Entsetzen. »Mein Gott, was ist geschehen?« Die ältere Schwester schaute sie tieftraurig an und schwieg. Verzweifelt versuchte die Jüngere, die Ältere zum Sprechen zu bewegen. Die stand nur da, verletzt und erstarrt.

Dann haben sie Kaffee getrunken, und die Jüngere las – wie immer beim Frühstück – den Fortsetzungsroman aus der Tageszeitung. Und die Ältere erzählte plötzlich ganz leise, dass es ein Mann war, der sich mit schnellen Schritten näherte, ihr die Tasche aus der Hand reißen wollte. Sie aber habe gut festgehalten, denn da waren doch alle Bankpapiere drin. Und dann habe der Mann sie mitsamt der Tasche über den Bü

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