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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2012
Wenn es den Himmel gäbe
Gott in der Literatur der Gegenwart
Der Inhalt:

Tief verletzt

von Doris Weber vom 05.10.2012
Durch den Türspalt sah die jüngere Schwester, wie die ältere Schwester sich Arme und Beine einsalbte. Ihre rechte Körperhälfte war übersät mit blauen Flecken und blutigen Schrammen

Sie wohnen bald neunzig Jahre lang in ihrem Elternhaus zusammen. Die beiden Schwestern, deren Männer aus dem Krieg nicht mehr heimkehrten. Die Jüngere pflegt den Garten, kocht und bügelt, die Ältere macht die Einkäufe und erledigt alle geschäftlichen Formalitäten. Wenn eine der Schwestern das Haus verlässt, verabreden sich die beiden: damit die andere sich keine Sorgen machen muss. »Um zwölf Uhr bin ich wieder da.« Und immer sind sie pünktlich, weil sie wissen, dass jede Minute Verspätung den Blutdruck der anderen in die Höhe treibt.

Seit einiger Zeit jedoch ist alles anders. Oft steht die jüngere Schwester am Gartentor und wartet, nestelt nervös an der Schürze, dreht den Kopf nach rechts und nach links. Ihre Augen schauen besorgt, und wenn Nachbarn vorbeigehen, dann tut sie so, als wäre nichts,