Zur mobilen Webseite zurückkehren
Schriftgröße ändern:

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2012
Wenn es den Himmel gäbe
Gott in der Literatur der Gegenwart
Der Inhalt:

Haltestelle ins Nirgendwo

Michael Schnurr war ein frustrierter Altenpfleger. Dann baute er in einer Frankfurter Fabriketage die Villa Lux, eine fast exzentrische WG für Demenzkranke

Michael Schnurr muss heute mit dem Energieversorger diskutieren. Die Stromkosten der Villa Lux sind heftig. Ein Grund sind die Tageslichtlampen. Warum brauchen zwölf schwer an Demenz erkrankte Menschen überhaupt diesen Luxus, den sich sonst nur die Art-Direktoren großer Werbeagenturen in ihren Büros leisten?

Nun, immerhin leben die Bewohner der Villa Lux auch in einer Art Loft, in einer Fabriketage. Rein architektonisch kann man sich die Räume ihrer Wohngemeinschaft in jeder Großstadt vorstellen, in einem eher jungen Szenebezirk jener Sorte, in der sich Künstler und Studenten Wohnraum neben Gewerbeflächen erobern. »Erobern« ist für das, was Michael Schnurr hier, im Schatten des Frankfurter Hauptbahnhofs, tut, womöglich genau das richtige Wort. Sein Stichwort. Er stemmt die Ellenbogen auf die Tischplatte, lehnt sich weit vor, fixiert sein Gegenüber aus graublauen Augen. »Die Alten sollen in der Stadt bleiben, in der Mitte der Gesellschaft, und nicht an deren Rand in Massenunterkünften leben«, sagt er.

Tageslicht statt Psychopillen

Schnurr redet schnell. Was er gerade erzählt, hat er wohl schon oft erzählt. Geldgebern, Pflegediensten, Behörden, Krankenhausärzten, wahrscheinlich auch dem Energieversorger. Er, Michael Schnurr, 42 Jahre alt, ledig, Hundebesitzer, will ein Eroberer sein, der urbanen Raum für diejenigen zurückholt, für die sonst der funktionale Zweckbau in trostloser Lage gut genug scheint: Menschen, deren Geist sich auflöst, Demente der Pflegestufe 1, die nicht mehr in der Lage sind, eine vernünftige Antwort auf die Frage zu geben, wo und wie sie leben wollen. In der Frankfurter City und anderen Innenstädten stehen schließlich ge