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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2009
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Lehren aus einer Wahl, die für viele keine war
Der Inhalt:

»Wir weigern uns, Feinde zu sein«

von Thomas Seiterich vom 09.10.2009
Unter dem Druck jüdischer Siedler: Daoud Nasar und sein ökumenischer Weinberg im Süden von Palästina. Und bald sollen noch mehr Siedlungen gebaut werden

Mein Herz klopft heftig. Ich robbe unter einem Stacheldrahtzaun durch, mitten in der staubtrockenen Mittagshitze, tief im von Israel besetzten Palästina. Ich klettere über eine Natursteinmauer und gehe dann vorsichtig den Weinberg hoch in Richtung Tent of Nations, »Zelt der Nationen«. Droben auf dem Berg bellt ein Hund. Oder sind es zwei? Beißen palästinensische Wachhunde? Egal. Ich suche den Bauer Daoud Nasar, der auf einem von jüdischen Siedlern noch nicht besetzten Hügel hoch über dem arabischen Dorf Nahalin die ökumenische Begegnungsstätte Tent of Nations gestartet hat. Das Friedensprojekt liegt auf halbem Weg zwischen Bethlehem und der uralten Patriarchenstadt Hebron im Süden der Westbank. Schließlich finde ich zum Weg und stoße auf einen aufgerichteten Stein. »Wir weigern uns, Feinde zu sein«, steht darauf in Arabisch, Englisch und Deutsch. Dann kommt mir Maher Nasar den Feldweg herab entgegen. Ein wettergegerbter Mann von etwa fünfzig Jahren, in Landarbeiterklamotten. Der ältere Bruder von Daoud Nasar hat meine Rufe gehört.

»Seit 1916 gehört dieser Berg, 64 Hektar guten Landes, unserer Familie«, erzählt Daoud Nasar, als wir unter dem Schattendach des Küchenschuppens in der kühlen Brise unterhalb des Hügelkamms sitzen und Tee trinken. »Als unser Urgroßvater diesen Hügel kaufte, regierte noch der Sultan. Die aus dem Osmanischen Reich stammende Besitzurkunde müssen sogar die jüdischen Siedler anerkennen, die uns hier weghaben wollen.« Daoud Nasar, geboren 1970, spricht perfekt Deutsch mit leichtem oberösterreichischen Klang. Er hat auf der traditionsreichen evangelischen Oberschule Talita Kumi in Bethlehem Abitur gemacht, später die Hotelfachschule in Linz absolviert und dann Tourismus-Management studiert. Der Mann, der 2008 mit dem »Friedenspreis der deutschen Mennoniten« geehrt wurde, ist ein guter Erzähler und perfekter Gastgeber. »Meine Frau«, erzählt Daoud, »gibt Computerkurse für die muslimischen Frauen im Dorf.« Ihre drei Kinder heißen Shade, Nardin und Beshara.

»Von Nahalin sind es, wenn das israelische Militär keinen Checkpoint errichtet, nur zehn Autominuten nach Bethlehem«, berichtet Daoud. Bald werde jedoch der neu ausgebaute Highway nach Hebron für Palästinenser gesperrt und als sogenannte Siedlerstraße nur noch Israelis vorbehalten sein. »Damit häufen sich zwangsläufig die Kontrollen. Das Resultat ist, dass bereits

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