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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2009
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Lehren aus einer Wahl, die für viele keine war
Der Inhalt:

Von Engeln und Outsidern

von Michael N. Ebertz vom 09.10.2009
Unterschiedliche Milieus bringen auch unterschiedliche Glaubensvorstellungen hervor – wie das Beispiel der Konsum-Materialisten und der Experimentalisten zeigt

Es gibt so etwas wie untergründige oder unterschwellige Theologien. Sie liegen zumeist unter dem »Niveau« von öffentlich artikulierten religiösen Ideen, wie man sie in Büchern liest oder in Predigten hört. Sie stellen häufig auch ein Gegengewicht dar zur offiziellen Religion der Kirchen. Und sie sind auch »direkter mit der unmittelbaren Erfahrung der gewöhnlichen Leute verbunden als die offiziellen theologischen Formulierungen, die von denjenigen gelehrt und verteidigt werden, die als Theologen an die Universitäten und Kirchen berufen und dort bezahlt werden«, wie es der britische Religionssoziologe Robert Towler formuliert. Mit seinem Hinweis darauf, dass religiöse Vorstellungswelten mit der unmittelbaren Lebenserfahrung verbunden sind, macht Robert Towler indirekt auch auf den Tatbestand aufmerksam, dass unterschiedliche Statusgruppen auch unterschiedliche religiöse Neigungen haben und Akzente setzen, je nachdem, was ihnen »nutzt und frommt«. Die neuere Soziologie, welche die Bevölkerung stärker in soziale Milieus als in soziale Stände, Klassen und Schichten gegliedert denkt, kann bestätigen, dass Religiosität lebensweltlich gefiltert und gebrochen wird. Die Erfahrungsbereiche sind milieuspezifisch unterschiedlich. Dies kann mit zwei Beispielen aus den neueren Sinus-Milieustudien verdeutlicht werden.

Den Konsum-Materialisten wird das Leben zur Überlebensfrage, und der Traum vom besonderen Leben bleibt ein Traum. Sie wissen, wo sie auf der gesellschaftlichen Stufenleiter rangieren, und haben ein entsprechendes »Underdogbewusstsein«; aber man zeigt das, was man hat, durchaus demonstrativ. Dagegen verachtet man intellektuelle Differenzierungen als Besserwisserei und vornehmes Getue. Gesucht wird stattdessen Kraft zum Durchhalten und Überleben hier und jetzt, das heißt ohne Langfristperspektive, die man sich nicht leisten kann. Dabei kann die Kirche allenfalls diakonische Helferin sein: als sozial-karitativer Rettungsanker.

Was diese Menschen neben der sozialen Zugehörigkeit zur Kirche vor Ort auch vermissen, sind religiöse Faustregeln für das Alltagsleben, religiöse Tricks und zupackende Hilfe für das Überleben. Ansonsten fühlt man sich vom kirchlichen Personal mit seinem »geschwollenen Transzendenzgerede« und von der vereinsähnlichen Gemeinschaft der Kirchengemeinden im Stich gelassen und nicht ernst genommen. Trotz Kirchenmitgliedschaft ist die Distanz des Milie

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