Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2017
Glauben Männer anders?
Das schillernde Verhältnis von Männern zur Religion
Der Inhalt:

Wenn ich der Engel bin

von Eva-Maria Lerch vom 22.09.2017
Spiritprotokoll: Mit der Bibel hat unsere Autorin sich lange schwergetan – bis sie selbst eine Rolle darin spielte. Erfahrungen mit dem Bibliodrama

Mit der Bibel habe ich mich lange schwergetan. Sie erschien mir oft als ein altertümliches Buch, bedrohlich und unverständlich. Manche biblischen Geschichten haben mich wohl schon als Kind begeistert, zum Beispiel die Flucht der Israeliten durchs Rote Meer. Aber dann standen in der Bibel auch diese schrecklichen Forderungen – etwa, dass man sich ein Auge ausreißen soll, bevor es einen zur Sünde verführt. Als katholisches Mädchen vom Lande nahm ich das alles sehr wörtlich. Später habe ich Theologie studiert und die Bibel mithilfe der historisch-kritischen Methode analysieren und neu zu deuten gelernt. Aber so richtig beseelt hat mich die Bibel erst durch das Bibliodrama. Denn da steige ich mit Leib und Seele in das biblische Geschehen ein. Da werde ich Teil ihrer Botschaft. Da spiele ich selbst eine Rolle.

Bei meinem ersten Bibliodrama-Kursus war ich gerade im dritten Monat schwanger. Ich bezog ein Bett in einem Zweierzimmer eines ökumenischen Zentrums und traf dort auf eine aufgewühlte Zimmerkollegin: Cornelia hatte soeben erfahren, dass sie endlich ein Kind adoptieren konnte, einen zweijährigen Jungen, der schon im Kinderheim auf sie wartete. Sie konnte die Nachricht kaum fassen, schwankte zwischen Freude und Angst vor der großen Aufgabe. Ich erzählte ihr, dass ich ebenfalls ein Kind erwartete. Und am Abend erfuhren wir, dass wir hier »Die Verkündigung des Engels Gabriel an Maria« spielen würden – die Verheißung von Jesu Geburt!

Zuerst lasen wir in der Gruppe den Text: »Sei gegrüßt, Maria! Der Herr ist mir dir … Der Geist des Herrn wird dich überschatten und du wirst einen Sohn gebären.« Cornelia spielte die Maria. Sie lief aufgeregt durch den Raum und drückte mit furchtsamen Gebärden ihre Verwirrung aus: »Maria erschrak.« Ich spielte den Engel – und in dem Moment war es so, als ob ich tatsächlich ein Engel war. Ich ging einen Schritt auf sie zu und sagte: »Fürchte dich nicht. Du bist dazu berufen, Maria!« Diese Worte hatte ich mir nicht im Kopf zurechtgelegt, sie stiegen irgendwo aus meinem Inneren auf, ich weiß nicht wie. Später hat Cornelia mir erzählt, dass diese Begegnung ihr tatsächlich die Angst genommen hat. Sie begann sich auf ihr Kind zu freuen.

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen