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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2017
Glauben Männer anders?
Das schillernde Verhältnis von Männern zur Religion
Der Inhalt:

»Ich verlor meinen Sohn«

von Corinne Duc (»Infosperber«) vom 22.09.2017
Sozialprotokoll: Manal al-Sharif (38) ist Frauenrechtlerin und IT-Spezialistin aus Saudi-Arabien. Weil sie Auto fuhr, wurde sie von ihrem Kind getrennt

Auf dem Papier scheint mein Leben nicht so ungewöhnlich: Ich habe geheiratet, bekam ein Kind, dann folgte die Scheidung. Jahre vergingen, ich zog um, heiratete wieder, bekam ein weiteres Kind.

Doch ich bin eine Frau aus Saudi-Arabien. Im Mai 2011 lenkte ich auf saudischen Straßen ein Auto. Mein Bruder saß auf dem Beifahrersitz, meine Schwägerin, ihr Baby und mein Sohn Aboudi hinten. In Saudi-Arabien ist es Frauen untersagt, selbst hinterm Steuer zu sitzen. Darum wurde ich inhaftiert und verbrachte neun Tage im Gefängnis. Zu jener Zeit war ich eine berufstätige, geschiedene Mutter. Aber nicht deshalb wurde ich beobachtet, schikaniert und aus meinem Job herausgedrängt. Das geschah vielmehr aufgrund meines Protestes, den ich durch das Autofahren kundgetan hatte. Ich wurde bedroht, Imame forderten meine öffentliche Auspeitschung. Ohne sicheren Aufenthaltsort und Arbeitsplatz, zu einer Zeit, zu der andere Saudis meinen Tod verlangten, blieb mir nichts anderes übrig, als das einzige Land, das ich damals kannte, zu verlassen.

Als ich meine Bücher, Kleider und etwas Geschirr zusammenpackte, um nach Dubai zu ziehen, musste ich hinter mir lassen, was ich mir am meisten gewünscht hätte, mitnehmen zu können: das kleine Stück Universum, das ich mit meinem Sohn Aboudi teilte. In Saudi-Arabien behalten Väter nach einer Scheidung das Sorgerecht sowie sämtliche Rechte über das (vormalig) eheliche Heim. Mein Sohn durfte mich in Dubai nicht einmal besuchen kommen. Damit ich ihn besuchen konnte, musste ich an Wochenenden nach Saudi-Arabien zurückfliegen. Da zu jener Zeit viele Hotels ablehnten, eine saudische Frau alleine und ohne Bewilligung eines Mannes zu beherbergen, musste ich für jene kostbaren Wochenenden ins Haus meiner Exschwiegermutter zurückkehren, in welchem meine Ehe zerbrochen war und mein Körper geschlagen und geschunden wurde – öfter, als ich mich daran erinnern mag.

Mein Exehemann hat inzwischen wieder geheiratet und ist Vater zweier Töchter. Mein Sohn Aboudi lebt bei seiner Großmutter, meiner Exschwiegermutter, deren Aufgabe es jetzt ist, ihn großzuziehen. Ich habe einen Anwalt bestellt, um für meinen Sohn das Recht einzuklagen, mich in Dubai zu besuchen. Gestützt auf einen islamischen Text aus dem 10. Jahrhundert, als weite Kamelreisen (insbesondere für Kinder) noch zahlreiche Gefahren bargen, befand das Gericht, das Risiko, dass das Kind auf einer solch gefährlich

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