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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2017
Glauben Männer anders?
Das schillernde Verhältnis von Männern zur Religion
Der Inhalt:

»Armut ist ein Tabu«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 22.09.2017
Und sie ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sagt der Sozialethiker und Theologe Franz Segbers

Publik-Forum: Herr Segbers, im aktuellen Wahlkampf spielte Armut nur eine untergeordnete Rolle. Warum ist das so?

Franz Segbers: Das frage ich mich auch! Die Lebenswirklichkeit eines großen Teils der Gesellschaft kam im Wahlkampf überhaupt nicht vor. Wie müssen all die Alleinerziehenden, die Hartz-IV-Empfänger und die Leiharbeiter die Wahlkampfdebatten wahrgenommen haben? Wir sprechen hier wohlgemerkt nicht von ein paar wenigen Armen. Allein 2,7 Millionen Beschäftigte in Deutschland haben neben ihrer Vollzeitstelle einen zweiten Job, um über die Runden zu kommen.

Blenden das auch die Bürger lieber aus?

Segbers: Die Öffentlichkeit will es nicht wahrhaben, Armut ist ein Tabu. Das wird verdrängt und schöngeredet. Es ist ja viel netter, darauf zu verweisen, dass immer mehr Menschen Arbeit haben, anstatt anzuerkennen, dass viele von ihrem Job nicht leben können. Dieser Trend frisst sich immer weiter in die Mitte der Gesellschaft. Und immer mehr Menschen nehmen diese Gerechtigkeitslücke wahr. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung erachten 82 Prozent der Deutschen die Ungleichheit in Deutschland für zu groß.

Ist sie das tatsächlich?

Segbers: Definitiv! Ein Länderbericht der EU-Kommission belegt: Die Politik der Bundesregierung hat dazu beigetragen, die Armut zu vergrößern. Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland weiter auseinander als in jedem anderen europäischen Land. Die Politik betreibt Reichtumsförderung, während sie die Armgemachten ausgrenzt.

Übertreiben Sie da nicht ein bisschen?

Segbers: Nein. Arm sind nicht nur diejenigen, die obdachlos sind, zur Tafel gehen oder Flaschen sammeln. Wir reden hier von Menschen, die arbeiten und trotzdem arm sind. Dieses Phänomen reicht bis weit in die Mittelschicht hinein.

Trifft es auch die gut Ausgebildeten?

Segbers: Ja, dass Bildung vor Armut schützt, stimmt nur noch bedingt. Circa zehn Prozent der jungen Akademiker in diesem Land arbeiten im Niedriglohnsektor. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeit und Qualifikation haben die

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