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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2016
Ein letztes Fest?
Der Protestantismus feiert die Reformation
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Nicht nett

Meine Freundin Jule mag keine Lieder von Bob Dylan mehr, seit sie gelesen hat, dass er ein ungehobelter Klotz sein soll, der seine Fans beleidigt. »Warum können diese Künstler nicht einfach nett sein?«, schimpft sie. »Genie und Wahnsinn, das ist doch wieder so ein blödes Klischee.« Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt.

Genies hatten es jedenfalls schon mal leichter. Das Werk allein ist heute nicht mehr genug, die Schöpfer sollen sich auch wie Leute verhalten, mit denen »man« gern ein Bier trinken geht. Und die so normale Dinge tun wie Grillpartys für die Nachbarn organisieren. Das bekommen sogar Fußballer zu spüren. Plötzlich hassen alle Cristiano Ronaldo – nicht, weil er schlecht kicken würde (tut er nicht!), sondern wegen seiner eitlen Posen.

Ein Kurs in »Soft Skills« wäre heutzutage das Mindeste, bevor es ans Berühmtwerden geht. Patricia Highsmith zum Beispiel: Niemand wollte mit ihr ein Bier trinken. Die Krimiautorin galt als echte Menschenfeindin. Dafür vermochte sie allerdings vollkommene Thriller zu schreiben. Mit einem normalen Gehirn inszeniert schließlich niemand eine fiese Figur wie Tom Ripley so brillant, dass selbst die nettesten Leser ihm wünschen, mit einem eiskalten Mord ungestraft davonzukommen. Kann man es nicht einfach schön finden, dass es solche Autoren gibt? Offensichtlich nicht.

»Sie war nicht nett«: So beginnt die neueste Biografie über Patricia Highsmith. Als »verbitterte alte Auster« habe sie gelebt. Ja und? Nettigkeit ist eine schöne Eigenschaft, wird aber überschätzt. Kunst und Wissenschaft sind kein Dienstleistungsgewerbe, ihre Protagonisten haben die Ecken und Kanten, die sie eben haben. Gott sei Dank. Sonst säßen wir heute noch auf den Bäumen, und zwar mit Büchern von Ildiko von Kürthy.

Gar nicht nett ist auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Und ich bekenne hiermit: Ich mag ihn trotzdem. Auch wenn alle anderen ihn hassen. Okay, Privatsphäre ist für Mark ein Fremdwort, und er will all unsere Daten, wie ein Krake. Trotzdem rührt mich dieser Mensch im Kapuzenpulli, der den Rücken immer ein bisschen zu steif hält und im Smalltalk kläglich versagt. Letzte Nacht habe ich sogar von ihm geträumt. Er saß mit seiner sechs Monate alten Tochter auf einem weißen Flokati, und die beiden spielten »Die Siedler von Catan«.

Ich finde es herrlich, dass Mark Zucke

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