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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2015
Der große Auszug
Kirchenaustritte: Was jetzt auf dem Spiel steht
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Kein schöner Land

vom 25.09.2015

Nein, es war doch kein Spätsommermärchen. Wer sich in den frühen Septembertagen erstaunt die Augen rieb über den schönen Empfang Zehntausender Flüchtlinge, nicht nur von den Leuten, die spontan spät abends zu Bahnhöfen eilten, sondern auch von der Politik, ist inzwischen ernüchtert. Ich auch. Dabei ist in diesem kurzen, beeindruckenden Wimpernschlag der Geschichte etwas Merkwürdiges passiert: Ich habe mich richtig gefreut, hier zu leben. Und das nicht nur aus Gewohnheit, also nicht nur im Sinne von: in meiner Stadt zu leben, bei meiner Familie und in der Nähe meiner Freunde und in Frieden und dabei gutes Radio zu hören.

Patriotismus fand ich immer komisch. Wie fühlt sich das an? Wo sitzt dieses Gefühl, das Menschen offenbar empfinden, wenn sie auf Zuschauertribünen so ernst schauen, wenn ein Band mit ihrer Nationalhymne läuft? Jetzt war ich plötzlich selbst gerührt.

Die halbe Welt schien sich zu uns auf den Weg gemacht zu haben, und was taten wir? Wir sagten einfach furchtbar nett Hallo, manche ließen Flüchtlinge spontan bei sich wohnen, viele schmissen von einer Minute auf die andere ihre Tagesplanungen um, ließen den Kalender Kalender sein, um Windelpakete und Fahrräder in die Flüchtlingsunterkunft am anderen Ende der Stadt zu bringen – während Resteuropa seine Leitkultur verteidigt, als ginge es um den Einlass in einen Szene-Club.

Ich erinnere mich noch gut: Anfang der 1990er-Jahre, als das Asylrecht verschärft wurde, galt es schon als mutige Aussage, zum Konzert »Rock gegen rechts« zu gehen.

Und jetzt? Jetzt wurden wir in der New York Times gelobt, der britische Guardian schlug vor, »Willkommenskultur« als Lehnwort in fremde Sprachen zu integrieren. So wie »Kindergarten«, aber auch wie »Schadenfreude« und »Blitzkrieg«. Wow.

»Eigentlich müsste man jetzt eine Fahne kaufen gehen«, sagt meine Freundin Jule, als Angela Merkel verkündigt, die Flüchtlinge aus Ungarn einreisen zu lassen. Als 18-Jährige hatte sie einen Aufkleber mit durchgestrichenem D auf ihrem ersten Auto.

Bloß, wo kauft man so was? Wo gibt es Fahnen, was kosten die, sind da Schadstoffe drin?

Ich habe viele Straßen meiner Heimatstadt auf- und abdemonstriert, ich bin schon mit sieben beim Ostermarsch mitgelaufen, und später habe ich Plakate gegen Studiengebühren gemalt. Nein, wir, die in de

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