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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2011
Ingenieure des Lebens
Wohin führt die Synthetische Biologie?
Der Inhalt:

»Da war ich stolz!«

vom 20.09.2011
Sie hasst Gleichgültigkeit: Die 19-jährige Chilenin Nicole Burger demonstriert seit Monaten für ein gerechteres Bildungssystem

Bei uns ist es zehn Uhr morgens: Ich komme gerade aus der Universidad de Concepción, wo ich im vierten Semester Biologie studiere. So richtig studiert habe ich dort allerdings schon seit Wochen nicht mehr. Stattdessen übernachte ich in den Räumen der Uni und gehe mit meinen Kommilitonen demonstrieren.

Mitte Juni haben wir bei einer Versammlung der Fachschaft entschieden, unsere Fakultät zu besetzen. Das war der Augenblick, wo wir gesagt haben: Jetzt reicht es! Wir müssen was tun! Jedes Jahr gehen in Chile Schüler und Studenten auf die Straßen. Doch so viele wie in diesem Jahr waren es noch nie! Sie wollen, dass sich der Staat finanziell mehr am Bildungssystem beteiligt. Sie fordern einen gerechteren Zugang, bessere Qualität. Gute Bildung ist in Chile kein Grundrecht, sondern Luxus für Reiche. Mehr als die Hälfte aller Schulen und Unis sind privat.

Ich selbst hatte Glück: Meine Eltern hatten genug Geld, sodass ich auf eine gute Privatschule gehen konnte. Jetzt habe ich ein Stipendium. Kinder ärmerer Familien haben dagegen weniger Chancen. Die meisten Studenten müssen wegen der hohen Studiengebühren teure Kredite aufnehmen. Nach ihrem Studium sind sie dann über Jahre hinweg hoch verschuldet.

Am Anfang war unser Protest noch ziemlich chaotisch, aber inzwischen haben wir uns organisiert: Jede Nacht schlafen etwa zwanzig von uns auf Turnmatten in einem Hörsaal, »unsere Küche« ist im Labor. Frühstück machen, einkaufen, Klos putzen – die Aufgaben sind gut verteilt. Nach dem Aufstehen treffen sich alle: Wir malen Plakate, veranstalten Foren und organisieren Vorträge. Wir haben auch engen Kontakt zu »unseren Nachbarn«, den Besetzern aus anderen Fachschaften. Manchmal leihen wir uns gegenseitig Essen. Wenn es abends langweilig ist, besuchen wir uns. Wir sind eine richtige Gemeinschaft geworden, wie eine Familie!

Am wichtigsten jedoch sind für mich die Demonstrationen: Jeden Donnerstag ziehen wir los. Auf dem Weg treffen wir uns mit anderen Studenten und manchmal auch Schülern. Wenn wir mit unseren Fahnen, Plakaten und Trommeln durch die Straßen laufen, schauen die Leute oft aus den Fenstern und applaudieren. Das ist ein tolles Gefühl!

Doch leider gibt es auch viel Desinteresse: Vielen Studenten sind die Demonstrationen schlichtweg egal. Sie unternehmen nichts, sondern freuen sich über die freie

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