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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2011
Ingenieure des Lebens
Wohin führt die Synthetische Biologie?
Der Inhalt:

Niemand kann im Namen Gottes sprechen

von Martin Urban vom 20.09.2011

Eine im Sozialismus aufgewachsene Pragerin ging mit mir in München zwei Jahre lang hintereinander am Heiligen Abend zum Gottesdienst. Nach dem zweiten Mal klagte sie: »Das war ja genau dasselbe wie im vorigen Jahr.« Ich musste sie darauf hinweisen, dass dies nicht erst seit zwei, sondern seit zweitausend Jahren so ist.

Meine Kritik am Predigen ist prinzipiell. Die Kirche verfügt außer über den Fundus zweitausendjähriger Beschäftigung mit der Sache Gottes, den ich nicht kleinreden will, über kein besonderes Wissen. Der Pfarrer auf der Kanzel ist Gott nicht ein Stückchen näher als jeder andere Mensch, auch wenn das insbesondere die katholische Kirche (in Überhöhung der »Weihe«) anders sieht. Und so kann der Prediger auch nicht »Gottes Wort« verkünden – trotz aller Hoffnung, in der Bibel auch Gottes Wort zu finden, wenngleich von Menschen in deren je eigener Deutungsweise notiert.

Die Bibel kann man ohne zusätzliches Wissen nicht verstehen. Sie muss also ausgelegt werden. Denn gerade die sich selbst als bibeltreu verstehenden Fundamentalisten missverstehen die Heilige Schrift besonders krass. Ich stimme dem Präsidenten der Katholischen Bibelföderation, Bischof Vincenzo Paglia, zu, wenn er feststellt: »Fundamentalismus entsteht dort, wo sich verunsicherteMenschen an die Bibel wenden, ohne sie wirklich zu verstehen.«

Der evangelische Theologe und Publizist Heinz Zahrnt stellte bereits vor über vierzig Jahren fest: »Die Bibel ist von Menschen geschrieben, sie ist ein menschliches Buch, und darum kann sie nicht anders gelesen und verstanden und nicht nach anderen Methoden ausgelegt werden als andere menschliche Bücher auch.« Insofern hätte die Kirche die wichtige Aufgabe, für ein »historisch sachgemäßes und dem neuzeitlichen Wahrheitsbewusstsein verpflichtetes Textverständnis« zu sorgen.

Das scheint eine Aufforderung zu guter Predigt zu sein. Und ohne Zweifel gab und gibt es gute Prediger und gute Predigten. Doch das Problem ist grundsätzlicher Art. Es gibt nämlich im Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnisse, nicht zuletzt der Theologen selbst, keine Gewissheiten mehr zu »verkünden«. Seit über hundert Jahren wissen die kritisch arbeitenden Forscher – kritisch im Unterschied zu den Ideologien bedenkenden Dogmatikern, Heilslehrern und Angelologen: Das jüdisch-hellenistisch-christliche Weltbild, auf dem das allen christ

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