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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2018
Angst
In der Gesellschaft rumort es: Ein Gefühl wird politisch
Der Inhalt:

Vom Segen in die Traufe

Jürgen seufzte tief, als er zu unserem Männerkreis kam, und ließ sich schwer atmend in einen Sessel fallen. Automatisch drückte ich ihm ein Glas Rotwein in die Hand und fragte mit seelsorgerlich-sanftem Tonfall: »Was ist denn los?«

»O Mann, ich bin fix und fertig«, sagte Jürgen und nippte an dem Weinglas. »Heute Morgen ist meine Nichte eingeschult worden. Das war vielleicht ein Brimborium! Zu meiner Zeit gab’s ’ne kleine Schultüte, da war ein Mäppchen mit Stiften und ein Schulfüller drin. Und ein paar übrig gebliebene Kekse von Weihnachten. Heute wird eine Einschulung zelebriert wie eine royale Hochzeit: Jedes Kind hatte gefühlt tausend Gäste eingeladen, der versnobte Profi-Fotograf brauchte eine Stunde für die Bilder, meine Nichte hat – haltet euch fest – acht fette Schultüten bekommen. Und das kleinste Geschenk war ein Bausparvertrag!«

Andreas raunte mit oberlehrerhafter Stimme: »Kein Wunder, wenn die Leute an nichts mehr glauben, was größer ist als sie selbst, dann versuchen sie eben krampfhaft, die Ereignisse in ihrem Leben möglichst groß zu machen …«

Jürgen nahm noch einen üppigen Schluck von seinem Rioja: »Aber immerhin kamen fast alle Erstklässler mit ihren Angehörigen vorher zum Gottesdienst. Naja, vielleicht hatten sie ja auch nur Angst, was zu versäumen.« Er schluckte: »Aber dieser Gottesdienst, der war ja genauso daneben! Als meine Kinder eingeschult wurden, da gab es noch für jede Schulanfängerin und jeden Schulanfänger einen persönlichen Segen. Aber heute Morgen hat der Pfarrer bloß am Ende einen genuschelten Segensgruß in die Menge geworfen, und das war’s.«

Er habe den Pfarrer darauf angesprochen, erzählt Jürgen weiter, aber der habe bloß erklärt, er wolle ja keinen überfordern. Es seien doch viele »Fernstehende« in der Kirche, und manchmal kämen sogar Muslime, da wäre ein Segen aus seiner Sicht doch irgendwie übergriffig.

»Ich fand das völlig absurd«, sagte Jürgen. »Wenn ich einen Gottesdienst besuche, dann weiß ich doch, dass es da um Glauben geht. Da möchte ich hören, dass Gott mich durch mein Leben begleitet! Und dafür steht nun mal der Segen.« Er setzte sein Rotweinglas etwas zu wuchtig auf den Tisch und meinte: »In dieser Welt wird nicht zu viel gesegnet, sondern zu wenig!« Inzwischen hatten wir alle uns ebenfalls von dem Wein eingeschenkt und fragten uns, wie wir Jürgen beruhigen k

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