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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2018
Angst
In der Gesellschaft rumort es: Ein Gefühl wird politisch
Der Inhalt:

»Verneigt vor alten Bäumen euch«

von Andrea Teupke vom 07.09.2018
Der Dichter Reiner Kunze ist 85 Jahre alt geworden. In seinem neuen Gedichtband schreibt er über das Alter, die Natur und das Staunen. Er bezieht erneut Position gegen Verrohung und Gewalt

Sein Ton ist unverkennbar. Wer auch nur einmal Texte von Reiner Kunze gelesen hat, wird ihn für immer im Ohr behalten: diese einzigartige Mischung aus Präzision und Zärtlichkeit. Auch in seinem neuen – und es steht zu befürchten: letzten – Buch sind die Verse gewohnt knapp und lakonisch. »die stunde mit dir selbst« heißt der schmale Band, mit dem sich der Dichter zehn Jahre nach seinem Buch »lindennacht« noch einmal zurückmeldet.

In fünf Kapiteln sind hier kurze und kürzeste Gedichte zu all den Themen versammelt, die Reiner Kunze, der dieser Tage 85 Jahre alt geworden ist, immer bewegt haben: Vergänglichkeit und Abschied, das Staunen über die Natur, die Angst vor der Rohheit, zu der Menschen fähig sind, aber auch die Hoffnung auf Widerhall und Liebe.

Schon das erste Gedicht gibt die Stimmung vor: »Heute ist des jahres längster tag«, lautet die erste Zeile. Am längsten Tag des Jahres ist der Zenit bereits überschritten; mitten im hellen Sommer bricht das Wissen über die bevorstehenden »dunklen zeiten« auf. Der schlichte meteorologische Befund lässt sich als prophetische Mahnung deuten, als Erinnerung an die eigene Sterblichkeit ebenso wie an die Brüchigkeit zivilisatorischer Übereinkünfte.

Deutlicher wird Kunze in Gedichten wie »Euretwegen«, wo er bekennt: »Ich habe angst / vor der angst, die man haben müßte, / kämen statt der anonymen briefe / die büttel ihrer schreiber.« Das liest sich nicht nur angesichts der jüngsten Ausschreitungen in Chemnitz beklemmend aktuell; Kunze knüpft hier an ein Thema an, das sein Werk von Anfang an durchzieht: die Warnung vor Totalitarismus und Gewalt. Immer wieder beschrieb er, welche Grausamkeit sich Bahn bricht, wenn ein tyrannisches System dazu ermutigt.

Kunze, der 1933 in Oelsnitz im Erzgebirge als Sohn eines Bergarbeiters geboren wurde, wurde schon früh zum Dissidenten. Bereits 1959 warf das Ministerium für Staatssicherheit dem jungen Nachwuchswissenschaftler vor, in der Lehre Studenten negativ zu beeinflussen und »nicht systemtreue« Studenten zu fördern. Spätestens 1969 galt er wegen seines bei Rowohlt erschienenen Gedichtbandes »sensible wege« als Staatsfeind, der in der DDR weder öffentlich auftreten noch gedruckt werden durfte. Trotzdem gingen seine Texte heimlich von Hand zu Hand. Friedrich Schorlemmer sagte später, sie vermochten nach dem Ein

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