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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2018
Angst
In der Gesellschaft rumort es: Ein Gefühl wird politisch
Der Inhalt:

»Ich betreibe Widerstand«

von Bernd Müllender vom 07.09.2018
Antje Grothus kämpft gegen den Braunkohleabbau und ist Mitglied der Kohle-Kommission

Seit 13 Jahren engagiere ich mich jetzt ehrenamtlich und leidenschaftlich gegen den rheinischen Braunkohletagebau. Anfangs war es nur egoistisches Kirchtumdenken: Da wird die neue Autobahn A4 bis an den Ortsrand unseres Dörfchens Buir gebaut, weil die alte Straße weg soll wegen der Kohle. Plötzlich hast du quasi im Vorgarten eine sechsspurige Autobahn, Lärm statt ländlicher Idylle, für die wir hierhergezogen waren, auch damit die Kinder naturnah aufwachsen. Ein Herz für die Natur hatte ich immer, war aber keine engagierte Umweltschützerin. Bis ich die Initiative Buirer für Buir mitgründete.

Ich protestierte – gemeinsam mit anderen – und merkte, wie wir von oben herab behandelt werden vom Energiekonzern RWE, von Behörden und von lokalen Politikern. Vertreter des Stadtrates hatten E-Mail-Adressen mit der Endung »@rwe.com«. Unsere Einwendungen gegen den Tagebau und die Rodungen lagen trotz Datenschutzes bei RWE auf dem Tisch. Solche Verflechtungen empören mich. Und Ungerechtigkeiten habe ich schon immer gehasst.

Oft arbeite ich sechzig bis achtzig Stunden in der Woche zum Braunkohletagebau. Für meine freiberufliche Arbeit als Ernährungsberaterin bleibt nur wenig Zeit, genauso wie für meinen Partner und unsere drei Töchter, auch wenn die mich alle unterstützen. Ich betreibe Widerstand. Etwa bei der Roten Linie im Hambacher Wald, den RWE mehr und mehr rodet. Dabei ziehen alle Demonstranten etwas Rotes an und signalisieren: Bis hierher und nicht weiter. Hunderte machen jedes Mal mit.

Die Kinder waren anfangs genervt, weil ich so viel Zeit geopfert habe. Jetzt sind sie stolz. Viel Wertschätzung bekomme ich für meine Arbeit zurück. Die menschlichen Begegnungen sind unbezahlbar. Das gibt unendlich viel Kraft, auch wenn die Menge der Aufgaben zehrt. Wütend bin ich, weil RWE einfach weitermacht und sich auf uralte Genehmigungen der ihr hörigen Landesregierung beruft. Wütend machen mich die Gewerkschafter, die sich von RWE als mobile Einsatzgruppe missbrauchen lassen. Meine Güte, Sozialverträglichkeit heißt doch nicht nur Arbeitsplätze. Das heißt auch, Vertreibung, Heimat- und Umweltvernichtung zu stoppen. Erst mal wäre wichtig, Rodungen und Zwangsenteignungen auszusetzen, keine weiteren Fakten zu schaffen. Umgehend: Denn die weltweite Klimakrise wartet nicht. Ob das klappt? Manchmal überlege ich, ob ich in der

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