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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2018
Angst
In der Gesellschaft rumort es: Ein Gefühl wird politisch
Der Inhalt:

»Dividende für das gelingende Leben«

von Wolfgang Kessler vom 07.09.2018
Wie das bedingungslose Grundeinkommen auch theologisch zu begründen ist. Ein Gespräch mit dem Schweizer Sozialethiker Hans Ruh

Publik-Forum: Herr Ruh, Sie plädieren seit vielen Jahren auf der Grundlage der christlichen Ethik für ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Wie kommen Sie darauf?

Hans Ruh: Aus theologischer Sicht liegt das Wesen der Menschen darin, dass sie als von Gott Beschenkte existieren. Darin liegt der tiefere Sinn der Seligpreisungen in der Bergpredigt. Dort werden Mangelsituationen wie Hunger und Armut mit dem gelingenden Leben verbunden, mit der Seligkeit. Diese Zuordnung von Mangel und Geschenk kann man als Einbruch des Reiches Gottes in die Welt deuten, als einen Funken aus der Ewigkeit hinein in die Zeit.

Vielen Menschen erscheint die Idee des Grundeinkommens, wonach man Geld ohne Leistung bekommen soll, verquer. Was sagen Sie als Theologe dazu?

Ruh: Gerade so kann man das Grundeinkommen als Symbol für eine ganz andere Wirklichkeit verstehen, die sich aber auch im Hier und Jetzt manifestiert. Nämlich als Einbruch oder Verheißung einer höheren Ordnung, die auf das gelingende Leben abzielt.

Der oft zitierte Satz von Paulus: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen« (2. Thessaloniker 3, 10), kümmert Sie nicht?

Ruh: Abgesehen davon, dass sich Bibelverse nicht einfach direkt auf die moderne Gesellschaft anwenden lassen, kann gar keine Rede davon sein, dass Bezieher von Grundeinkommen nicht mehr arbeiten sollen. Das Grundeinkommen mildert nur die negativen Seiten der Arbeitsgesellschaft wie niedrige Löhne oder Arbeitswut. Aber Arbeit ist nach wie vor der Normalfall – sofern es sie gibt.

Trotzdem: Lässt Sie das Paulus-Zitat kalt?

Ruh: Nein, ich würde Paulus sogar auf eine andere Weise aktualisieren. Ich fordere einen obligatorischen Sozial- oder Bürgerdienst für alle. Natürlich kenne ich die Belastung dieses Instruments aus früheren Zeiten. Trotzdem: ein Sozialdienst, in dem die unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten für eine gewisse Zeit zusammen leben, lernen und arbeiten, wäre ein wichtiger Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Zugleich würde er erlauben, dass viele Menschen sich mit den wichtigsten geltenden Normen der Gesellschaft auseinandersetzen. Und natürlich: Die ökonomischen Leistungen eines Sozialdienstes für Pflege, Schule, Umwelt, Abfall

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