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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2017
Kein Land in Sicht
Im Mittelmeer steckt Europa in einem moralischen Zwiespalt
Der Inhalt:

Es ist die Seele, die malt

von Barbara Brüning vom 08.09.2017
Spiritprotokoll: Barbara Keppler stößt beim Ausdrucksmalen auf ihre verborgene Trauer – und findet dabei einen Weg zu sich selbst und zu Gott

Dass ich einmal malen würde und dass es mir so viel bedeuten könnte, das hätte nie gedacht. Aber inzwischen ist es lebenswichtig für mich geworden. Denn beim Ausdrucksmalen finde ich den Kontakt zu mir selber – und auch einen Weg zu Gott, eine Beziehung zum Universum.

Angefangen hat alles vor etwa zwanzig Jahren mit einer Operation an der Gallenblase. Kurz vor der OP hatte ich ziemliche Angst, und da sagte ich wie aus dem Nichts: »Gott, steh mir bei.« Obwohl das sonst gar nicht mein Ding war, Gott um etwas zu bitten. Doch nachdem ich das gesagt hatte, wurde ich plötzlich total ruhig und entspannt. Ich hatte überhaupt keine Angst mehr. Das war wie eine Gotteserfahrung. Von da an habe ich Gott wieder gesucht. Nicht den Gott der Kirche, sondern den, der mich beschützt hat, bei allem, was mir in den vergangenen Jahren widerfahren ist.

Nach der Operation habe ich entschieden, dass sich etwas in meinem Leben ändern muss. Ich fing an, mich den Dingen zu stellen und vieles in meinem Leben aufzuarbeiten. Deshalb habe ich mich auch hier in Frankfurt im Haus der Begegnung fürs Ausdrucksmalen angemeldet. Und gleich bei der ersten Sitzung einen großen, schwarzen Wal gemalt. Über die ganze Papierbahn. Monika, die das Ausdrucksmalen anleitet, kam zu mir und sagte: »Ich weiß nicht. Für mich sieht das eher aus wie ein Sarkophag. Kannst du den nicht mal aufmachen?« Ich habe weiter an dem Bild gemalt, den Sarkophag geöffnet – und da kam ganz viel Rotes raus. Mit einem Mal kamen mir die Tränen, und ich habe so viel geweint, dass ich dachte, das bringt mich um. Was da alles an Gefühlen rauskam! Ohne dass ich nur einen Gedanken daran verschwendet hätte, was ich da mache! Und das war erst der Anfang.

Das Ausdrucksmalen dauert immer einen ganzen Tag, von morgens bis zum späten Nachmittag. Wir fangen mit einer Meditation an und machen in Gedanken eine Reise durch den Körper, wir spüren Arme und Beine und fühlen, dass wir ganz da sind. Manchmal melden sich da schon Farben oder Formen, die aufs Papier wollen. Dann hänge ich meine weiße Papierbahn auf. Das Blatt wird am Anfang komplett eingekleistert. Ich schaue mir die Farben an, bis eine mich anspricht. Mit bloßen Händen schmiere ich diese Farbe auf die ganze Fläche. Meist denke ich gar nicht nach, was ich malen will. Ich schaue einfach nur auf das Papier und verlasse mich auf das, was meine Hand wie von selber

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