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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2017
Kein Land in Sicht
Im Mittelmeer steckt Europa in einem moralischen Zwiespalt
Der Inhalt:

Aufbruch in eine neue Welt

von Dagmar Gester vom 08.09.2017
Sie kaufte immer im selben Supermarkt, ging zu keinem Elternabend: Marion Karakelle war Analphabetin. Bis ihre Tochter merkte, dass die Mama nicht vorlas, sondern Geschichten erfand

Die Motivation waren meine Kinder«, sagt Marion Karakelle, um zu erklären, weshalb sie im Erwachsenenalter noch angefangen hat, richtig lesen und schreiben zu lernen. Sie habe ihrer älteren Tochter abends immer »vorgelesen«, erzählt sie. Doch irgendwann merkte die, dass ihre Mutter die Wörter gar nicht versteht, sondern entlang der Bilder Geschichten erzählt. Ihre Tochter war damals in der dritten Klasse. Marion Karakelle gestand ihr, dass sie nicht richtig lesen und schreiben kann. Und schämte sich dafür. Das Mädchen reagierte gelassen, erinnert sich Karakelle, und antwortete nur: »Macht nichts.«

Es machte aber schon etwas. Insbesondere für ihre ältere Tochter sei es schwer gewesen, meint die zweifache Mutter: »Ich konnte ja nichts alleine. Noch nicht einmal meinen Namen schreiben.« Sie beherrschte das Alphabet, vermochte aus den Buchstaben aber keine Wörter zu bilden oder längere Worte und Sätze zu lesen.

Marion Karakelle ist jetzt 44 Jahre alt. Vor fünf Jahren ging sie erstmals zum Verein Lesen und Schreiben in Berlin-Neukölln. Ihr Leben veränderte sich dadurch grundlegend.

Rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind sogenannte funktionale Analphabeten. Daran erinnert der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung anlässlich des Welttags der Alphabetisierung am 8. September. Mit »funktional« wird die Unfähigkeit bezeichnet, die Schrift im Alltag so zu gebrauchen, wie es in unserer Gesellschaft als selbstverständlich angesehen wird. Funktionale Analphabeten können oft einzelne Sätze lesen oder schreiben. Doch kürzere Texte verstehen sie schon nicht mehr. Das gilt für etwa 14 Prozent der erwerbsfähigen Deutschen wie die Level-One-Studie der Universität Hamburg im Jahr 2011 gezeigt hat. Und nur etwa ein Prozent der Betroffenen geht in Kurse, ergänzt Urda Thiessen, die Leiterin der Neuköllner Einrichtung.

»Analphabetismus ist wie ein großes Puzzle«, erklärt die Pädagogin. »Da fehlen zu viele Teile, um das Bild zu erkennen.« Analphabeten fehlt die Vorstellung von Zahlen, Zeit und Geografie. Sie haben Schwierigkeiten, Oberbegriffe zu finden und Kategorien zu bilden, um sich in der Welt zu orientieren.

Obgleich eine große Gruppe und in allen Schichten vertreten, werden diese Menschen kaum wahrgenomme

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