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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2017
Kein Land in Sicht
Im Mittelmeer steckt Europa in einem moralischen Zwiespalt
Der Inhalt:

Die Tricks mit den Zahlen

von Wolfgang Kessler vom 08.09.2017
Wie im Wahlkampf mit statistischen Daten gezielt manipuliert wird. Eine Warnung

Der Wahlkampf kommt in die heiße Phase. Und da untermauern die Kandidatinnen und Kandidaten ihre Positionen gerne mit Zahlen. Die Statistiken sind meist nicht falsch. Aber wenn sie verdreht oder aus dem Zusammenhang gerissen werden, kann man mit Zahlen Politik machen. An Beispielen fehlt es nicht.

Ein beliebtes Feld für Zahlentricksereien ist die Steuerpolitik. Hier findet jede politische Strömung Daten für die eigene These. Wer dem Vorwurf entgegentreten will, die Reichen bezahlten zu wenig Steuern, wird die Einkommensteuerstatistik heranziehen. Daraus ergibt sich, dass das reichste Zehntel der Bevölkerung etwa die Hälfte des gesamten Lohn- und Einkommensteueraufkommens bezahlt.

Die Zahl ist unbestreitbar. Gleichzeitig ist ihre Aussagekraft beschränkt. Denn die Lohn- und Einkommensteuern machen nur etwa dreißig Prozent des gesamten Steueraufkommens aus. Rund vierzig Prozent stammen aus Verbrauchssteuern – und hier werden die Geringverdiener stärker belastet, weil sie – prozentual – einen größeren Anteil ihres Einkommens in den Konsum stecken müssen als die Reichen. Die eine Zahl ohne die andere ergibt wenig Sinn.

Wie sehr gerade in der Steuerpolitik der Teufel im Detail steckt, zeigt die Debatte über den Spitzensteuersatz. Wer den Mittelstand, die Facharbeiter, für sich gewinnen will, kritisiert gerne, dass der Spitzensatz von 42 Prozent bei Ledigen bereits für ein Jahreseinkommen von 53 665 Euro fällig wird, bei Verheirateten ab 107 330 Euro. Das ist richtig. Verschwiegen wird jedoch gerne, dass der Spitzensteuersatz erst für jeden Euro ab 53 665 Euro Jahreseinkommen fällig wird – und nicht für den Verdienst bis zu dieser Grenze.

Ob eine Politik erfolgreich ist, hängt auch davon ab, wie der Misserfolg berechnet wird. Zum Beispiel in der Beschäftigungspolitik. Unzweifelhaft ist die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren gesunken. Allerdings auch deshalb, weil immer mehr faktisch Arbeitslose nicht in der Statistik auftauchen. Nicht mitgerechnet wird, wer dauerhaft krank ist, von einem externen Arbeitsvermittler betreut wird oder sich weiterbildet. Nicht mitgerechnet werden Kurzarbeiter, auch viele über 58-Jährige fallen aus der Statistik. Nach Berechnungen von Gerd Bosbach, Professor für Statistik im Koblenz, gab es zwischen 1986 und 2009 genau 16 Änderungen bei der Messung von Arbeitslosigkeit. »14 davon reduzierten die offizielle Arbeits

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