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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2016
In eurer Welt kann ich nicht sein
Warum Liah vor ihrer Familie flieht
Der Inhalt:

»Wir wollen keine Sandkastendemokratie«

von Anita Rüffer vom 09.09.2016
An der Freien Schule Kapriole in Freiburg wird ein radikales Demokratieverständnis gelebt. Schon die Sechsjährigen lernen, Dinge auszuhandeln und gemeinsam zu entscheiden – und ohne Vorgaben von außen zu lernen

Der Raum heißt »Kläranlage«. Geklärt werden dort Konflikte, die im Alltag der Freien Schule Kapriole in Freiburg entstehen. An diesem Vormittag geht es um ein Gerangel zwischen zwei Jungen und zwei Mädchen um einen Ball samt Beleidigungen, Stinkefinger und einem zerbrochenen Haarreif. Zwei Lehrerinnen sitzen dabei und führen Protokoll. Herr des Verfahrens aber ist Laurin. Der Zehnjährige hat gerade eine mehrmonatige Streitschlichterausbildung hinter sich. Er zeigt keinerlei Emotionen, als Claudio aus der Haut fährt und Murat provozierend seine Füße auf den Tisch legt. Mit richterlicher Autorität spricht Laurin eine »Verwarnung« aus. Er hört sich die unterschiedlichen Versionen an, die die Parteien über den Ablauf des Geschehens vorbringen, mahnt sie, einander ausreden zu lassen und zuzuhören, und »würde dann gerne zur Lösungssuche schreiten«. Kein Erwachsener mischt sich ein. Am Ende ist der Konflikt mit einer Entschuldigung der beiden Jungs bei Sirrah und Kayla beigelegt.

Auch sonst mischen sich Erwachsene nicht ein an dieser Freien Schule in Freiburg, die in den 1980er-Jahren angetreten ist, mit der Demokratie ernst zu machen: Niemand schreibt den 150 Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 16 Jahren vor, wer wann was und mit wem zu lernen hat und welche Regeln gelten sollen. Basisdemokratisches Herzstück der Schule ist die Schulversammlung. Immer dienstags tagt das Gremium. Ob Schüler oder Lehrer – die sich hier Teamer nennen und grundsätzlich mit Vornamen angesprochen werden: Wer mitentscheiden will, geht hin – zumindest zu den Tagesordnungspunkten, die sie oder ihn interessieren. Es ist ein lebhaftes Kommen und Gehen an diesem Dienstagvormittag kurz vor den Sommerferien in Baden-Württemberg. Manche lümmeln auf einem grünen Sofa oder dem Fußboden, packen ihr Frühstücksbrot aus, flechten der Nachbarin Zöpfe, Kleinere kuscheln mit Großen. Der Konzentration tut die lockere Atmosphäre keinen Abbruch. Eine lange Tagesordnung ist abzuarbeiten: Regeln für die Schulfahrten, Jahresplanung für die Angebote des kommenden Schuljahres, neue Streitschlichter ernennen … Nora und Anton, die für dieses Schuljahr gewählte Versammlungsleitung, ziehen sie straff durch. Es geht erstaunlich diszipliniert zu: Wer was sagen will – und das wollen viele –, meldet sich und wartet, bis er an der Reihe ist, auch die Teamer Mats und Niklas. Entsteht doch mal Getuschel, mahnt Nora zur Ruhe.

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