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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2016
In eurer Welt kann ich nicht sein
Warum Liah vor ihrer Familie flieht
Der Inhalt:

Reformation am Rande: Mystik und Revolution

von Christian Modehn vom 09.09.2016
Von allen ausgegrenzt und verfolgt: Thomas Müntzer und seine Idee vom Reich Gottes auf Erden

Der erste »Theologe der Revolution« war auch einer der ersten Liturgie-Reformer. Vor Martin Luther feierte Thomas Müntzer bereits 1523 die Messe auf Deutsch. Er wollte seine Gemeinde in Allstedt (Südharz) von »magisch wirkenden« Texten befreien, um sie zur Erkenntnis des wahren Gottes zu führen. Dabei sollte zur Gewissheit werden: Die auserwählten Christen sind im heiligen Geiste eins mit Gott. Diese mystische Erfahrung bestärkte seinen politischen Kampf für die empörten Bauern und Tagelöhner, die gegen die Allmacht der Herrscher rebellierten. Müntzer gehörte selbst zu den Verarmten. Für die Bauern war er »Der Knecht Gottes«. Das Volk strömte zu den deutschen Messen, um Müntzers Predigten zu hören. Dass er gleich nach der protestantischen Liturgiereform die ehemalige Nonne Ottilie von Gersen heiratete, störte nur die katholischen Grafen der Umgebung.

In seiner »Fürstenpredigt« im Schloss Allstedt im Juli 1524 ermahnte er, biblische Propheten zitierend, Fürst Johann von Sachsen und andere Herrscher, sich der Protestbewegung des Volkes anzuschließen. Das Volk habe ein heiliges Recht auf Widerstand. Wenn die Fürsten an ihrer Herrschaft festhielten, gälten sie als Gottlose, die das Volk vernichten werde.

Müntzer sah die Ursache allen Elends bei den Herrschenden. Es ist bezeichnend, dass von diesem theologischen Revolutionär im Unterschied zu Luther kein authentisches Porträt überliefert ist. Auch das ist ein Beleg, wie heftig er schon von den Wittenberger Reformatoren ausgegrenzt wurde. Selbst sein genaues Geburtsdatum (vermutlich 1489 in Stolberg) ist unbekannt. Erst in den letzten Jahren wurde mit einer kritischen Gesamtausgabe seiner wenigen Bücher und zahlreichen Briefe begonnen. Müntzer studierte Theologie in Leipzig und Frankfurt/Oder und wurde 1513 zum Priester geweiht. Bis zu seiner Hinrichtung am 27. Mai 1525 war er ruhelos unterwegs, um für die Einheit von Mystik und Revolution einzutreten. In etwa dreißig Städten zwischen Prag und Braunschweig, Wittenberg und Basel, Zwickau und Frankenhausen suchte er nach einer Predigerstelle. Überall wurde er verjagt und verfolgt. Müntzer blieb ein Heimatloser.

Seit 1521 ist der eine Mittelpunkt seines Denkens offensichtlich. Sogleich ergoss sich der öffentliche Zorn Luthers über ihn, den er ebenso heftig beantwortete. Inzwischen haben, dank der Studien von Hans-Joachim Goertz, die altvertrauten Müntzer-Klischees keine Ch

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