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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2016
In eurer Welt kann ich nicht sein
Warum Liah vor ihrer Familie flieht
Der Inhalt:

Einmal festlich, bitte!

von Hartmut Meesmann vom 09.09.2016
Wenn Gemeinschaft funktionieren soll, sind Rituale nötig. Doch was tun, wenn die vorgegebenen Muster für immer mehr Leute immer weniger passen?

Da möchten heiratswillige Paare im oder unter Wasser heiraten. Warum? Weil sie dem Tauchsport frönen. Andere möchten sich in einer Gondel das Jawort geben, mit Blick auf ein Bergpanorama – sind doch beide begeisterte Bergwanderer. Da halten bei der Beerdigung Familienangehörige die Traueransprache und reichen Fotos des Verstorbenen herum. Da wünschen sich die Hinterbliebenen, dass bei der Beerdigung der Lieblingssong der Verstorbenen gespielt wird: Das kann ein klassisches Musikstück sein, aber auch ein Rap, Rock oder Hip-Hop, ein Faschingshit oder eine Fußballhymne. Im Anschluss segeln Luftballons gen Himmel; Särge oder Urnen sind bemalt.

So manche Pfarrerin und mancher Pfarrer bekommt Bauchschmerzen, wenn solche Wünsche geäußert werden. Geht es den Beteiligten nur um ein Event? Gewöhnungsbedürftig ist es für manche auch, wenn – wie in den USA gesehen – bei einer kirchlichen Trauung Angehörige und Gäste fröhlich swingend in die Kirche und bis zum Altar tänzeln, während die Besucher in den Kirchenbänken begeistert in die Hände klatschen.

Manchmal werden heute althergebrachte Rituale sogar auf skurrile, ironisierende Weise ins Gegenteil verdreht. So treffen sich beispielsweise in Argentinien junge Menschen in einer Disco, um eine »falsche Hochzeit« zu feiern: Eine Frau und ein Mann werden zum Hochzeitspaar erkoren, man feiert mit allem Drum und Dran. Am Ende tauscht das falsche Brautpaar keine Ringe miteinander, sondern setzt sich gegenseitig Clownsnasen auf. Der Hintergrund: In Argentinien ist die Zahl der neu geschlossenen Ehen inzwischen um sechzig Prozent zurückgegangen; eine gesellschaftliche Institution verliert dort eklatant an Bedeutung. Das Ritual selbst aber nicht.

Der Alltag verlangt eine Weihe

Rituale zu wichtigen Ereignissen im Leben sind nach wie vor gewünscht und beliebt; auch in der schillernden Postmoderne. Der Alltag verlangt aus Sicht vieler Mitmenschen nach einer Überhöhung, nach einer Weihe, nach Festlichkeit, nach Sinnlichkeit und Emotionen – und nach der Einbettung in eine soziale Gruppe, sei es die Familie, der Sportverein, die (Gemeinde-)Kirche.

Rituale sind für eine Gemeinschaft »lebensnotwendig«, sagt der evangelische Religionswissenschaftler und Ritenforscher Gernot Meier. Rituale strukturieren das Leben. Sie geben Sicherheit, vermitteln Beständigkeit im Alltag. Sie dienen der B

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