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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2015
Höchste Zeit
Klimakrise: Die Politik, der Papst und die Menschheit. Worauf es jetzt ankommt
Der Inhalt:

Weltbilder voll Wut und Wahn

von Hartmut Meesmann vom 11.09.2015
Woher kommt der Hass auf Fremde? Ein Gespräch mit dem Psychoanalytiker Micha Hilgers

Publik-Forum: Herr Hilgers, die Anschläge und Pöbelattacken auf Flüchtlingsheime häufen sich. Gibt es unter Menschen so etwas wie eine Grundangst vor dem Fremden?

Micha Hilgers: Es gibt grundsätzlich beides: Zurückhaltung und Vorsicht ebenso wie Neugierde und Interesse gegenüber Fremdem. Beides zusammen sichert uns bio logisch-psychosoziale Überlebensvorteile. Deshalb hat die Journalistin Anja Reschke viel Zustimmung erhalten, als sie in den Tagesthemen dazu aufforderte, den Hasstiraden gegen Asylsuchende offensiv entgegenzutreten. Die Mehrheit der Bevölkerung ist durchaus nicht fremdenfeindlich.

Viele Menschen haben aber eine ausgeprägte Angst vor Fremden. Woher kommt das?

Hilgers: Man muss unterscheiden zwischen Angst und Hass. Angst und Verunsicherung können zum Beispiel durch viele fremde Gesichter, die Sprache der Fremden, ihre Art, sich zu geben und in Gruppen aufzutreten, ausgelöst werden. Das ist die Angst vor Veränderung und vor dem Verlust an Vertrautem und Gewohntem. Nicht nur die Menschen, die zu uns kommen, müssen sich an unsere Lebensverhältnisse anpassen – wir müssen uns ebenfalls auf anderes einstellen. Dies führt zu Unsicherheiten und macht manchen Menschen mehr, manchen weniger Angst.

Und der Hass?

Hilgers: Ist etwas gänzlich anderes: Da geht es um Ressentiments, um einen tiefen Groll, dessen Quellen in Gefühlen von Benachteiligung, Ungerechtigkeit und Ohnmacht liegen. Dieser Hass und die Ressentiments suchen sich ihre Ziele, was man bei Pegida und fremdenfeindlichen Randalierern deutlich sehen kann. Die Opfer sind fast beliebig, jedenfalls austauschbar. Es geht gegen »die Politiker«, »die da oben«, »die Lügenpresse« oder eben »die Ausländer« und »die Asylanten«. Sozialpsychologisch ist das häufig verbunden mit der – nicht unrealistischen – Furcht der unteren Mittelschicht vor Abstieg und Verarmung, die allerdings nichts mit der Ausländer- und Asylpolitik zu tun hat. Psychoanalytisch gesehen handelt es sich also um eine sogenannte Verschiebung.

Des Pudels Kern ist die Verunsicherung des Einzelnen?

Hilgers: Des Einzelnen in seiner peer group. Auch Großgruppen können s

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