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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2012
Verloren im Vatikan
Ein Reformkonzil wird 50
Der Inhalt:

Verfolgt sind nicht nur Christen

von Thomas Seiterich vom 07.09.2012
Wie verändert sich die Welt, wenn die religiösen Minderheiten aus dem Nahen Osten fliehen müssen? Fragen an den Jesuiten und Experten für arabische Kultur, Samir Khalil Samir

In Syrien tobt ein brutaler Bürgerkrieg. Was bedeutet das für die christliche Minderheit, die zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht?

Pater Samir Khalil Samir SJ:Der hasserfüllte Bürgerkrieg schafft eine kritische Situation für Syriens Christen und ihre Kirchen, aber noch mehr für die religiöse Minderheit der Alawiten. Auch wenn es unter der Diktatur von Vater und Sohn Assad keine politische Freiheit gab, waren die Minderheiten einigermaßen geschützt. Denn Assads Baath-Partei war nicht antireligiös. Sie verfolgte eine laizistische Vision ohne Bevorzugung einer religiösen oder weltanschaulichen Gruppe. Religiös galt dies auch für die Alawiten, zu denen der Clan der Assads zählt.

Weshalb sind die Alawiten bei den Widerstandskämpfern in Syrien so verhasst?

Samir Khalil Samir: Sie machten unter der Herrschaft der Assads einen geradezu ungeheuren sozialen Aufstieg und fungieren militärisch sowie in den Geheimdiensten als die Stützen des Regimes. Vor der Machtergreifung von Hafez al-Assad 1970 waren die Alawiten arme Leute: Ihre Frauen arbeiteten oftmals als Haushaltshilfen oder Wäscherinnen in bürgerlichen Haushalten von wohlhabenden Sunniten oder Christen. Die Männer waren zumeist kleine Bauern. Der rasante Aufstieg dieser früheren Hungerleider hat enormen Neid hervorgerufen. Und religiös gelten die Alawiten in den Augen sunnitischer Fanatiker – wie sie insbesondere in den Ölscheichtümern auf der Arabischen Halbinsel zu Hause sind – als Abscheu erregende »Sekte aus der Sekte«. Weil sie eine Abspaltung von den Schiiten bilden, die als ketzerische Abspaltung vom ursprünglichen Islam verachtet werden. Diktator Assad musste vor Jahren Theologen bemühen, um nachzuweisen, dass er als Alawit überhaupt Muslim sei.

Von wem droht Arabien die größte Gefahr?

Samir Khalil Samir:Ganz gewiss nicht von Israel oder den Vereinigten Staaten. Die größte Gefahr, Arabien in seiner weit über ein Jahrtausend alten lebendigen Vielfalt zu zerstören, das sind die radikalen Islamisten und Salafisten. Denn sie bringen die nichtsunnitischen Religionen und Minderheiten in Bedrängnis. Ja, sie bestreiten ihnen das Existenzrecht. Dabei gilt der heftigste Vernichtungswille nicht – wie manche im Westen meinen – den Christen oder den Juden. Den

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