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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2012
Verloren im Vatikan
Ein Reformkonzil wird 50
Der Inhalt:

Passfälscher und Papst

von Thomas Seiterich vom 07.09.2012
Johannes XXIII.: In sein Konzil ist er hineingestolpert

Er war klein und korpulent. Wie klein und wie dick, das können die Besucher des Petersdomes sehen, wenn sie den illuminierten Glassarg betrachten, in dem Papst Johannes XXIII. seit einigen Jahren aufgebahrt ist. Noch als Toter macht dieser völlig außergewöhnliche Papst, der das Zweite Vatikanische Konzil einberief und damit die epochale Wende der katholischen Kirche einleitete, Karriere. Il Papa Buono, der »Gute Papst«, ist bei den Gläubigen rund fünfzig Jahre nach seinem Krebstod so populär, dass sein Sarg aus dem engen Untergeschoss von Sankt Peter hinauf in das Kirchenschiff umgebettet werden musste. Die Menge der Johannes-Verehrer ist einfach zu groß.

Ein Jahrtausend lang hatten Adlige als Päpste die Kirche beherrscht. Angelo Roncalli jedoch war das krasse Gegenbild zu den hochwohlgeborenen Herren: ein Kleinbauernsohn mit zwölf Geschwistern aus dem Dorf Sotto il Monte. Später wurde er Papstdiplomat auf verlorenen Posten – in Bulgarien, der Türkei oder im säkularisierten Frankreich – an lauter Orten, wo der Vatikan machtmäßig nichts zu sagen hatte.

Schließlich schaffte er es 1953, in hohem Alter, auf den dekorativen Posten eines Patriarchen in Venedig. Zum Papst gewählt wurde er 1958 – doch nur als Kompromisskandidat. Es war damals ähnlich wie heute: Zwei Italo-Fraktionen kämpfen um das Papstamt. Sie blockierten sich. Aufgelöst wurde das Patt durch einen Dritten. Die kurialen Lager meinten, sie träfen eine risikolose Wahl, denn der Kandidat Roncalli war 77 Jahre alt und krank. Wie oftmals in der Kirchengeschichte: eine schwache Zwischenlösung für kurze Zeit. Der von den Kurialen belächelte »Bauer auf dem Petersthron« schien kein Risiko zu bilden für die selbstherrlichen Verhältnisse im Vatikan. Doch dann kam alles gründlich anders: Sensation folgte auf Sensation.

Angelo Roncalli, von Beruf Kirchenhistoriker, brach mit der Tradition der Pius-Päpste und wählte einen der belastetsten Namen aus der Papstgeschichte: Johannes. Dies zeigte Selbstbewusstsein und Humor. Als erster Papst seit dem Apostel Petrus lud Johannes Reformierte wie den Prior von Taizé, Roger Schutz, oder Orthodoxe, ja sogar linke Nichtgläubige an seinen Tisch ein. Welch eine Provokation! Der Vatikan stand Kopf! Denn Pius XII., der Amtsvorgänger, hatte fast immer allein gespeist.

Alle hatten Johannes unterschätzt. Er war kein Topjurist wie Pi

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