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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2012
Verloren im Vatikan
Ein Reformkonzil wird 50
Der Inhalt:

Abschied von der Festung

von Otto Hermann Pesch vom 07.09.2012
Die acht wichtigsten Beschlüsse des Konzils: Wie es zu ihnen kam und was heute noch aussteht

1. Das Kirchenverständnis

Vor dem Konzil: Die römisch-katholische Kirche wurde in der Theologie und auch im Kirchenvolk verstanden als societas perfecta, als »vollkommene Gesellschaft«. Sie galt als eine Gemeinschaft von Menschen, der nichts fehlt und die darum auch von außen keiner Hilfe bedarf. Diese »vollkommene Gesellschaft« – von Jesus Christus gestiftet und mit einer verbindlichen Ämterordnung und Sakramenten ausgestattet – wird dreistufig geleitet: von Priestern, Bischöfen und dem Papst als Nachfolger des Apostels Petrus. Das Petrusamt macht den Papst weisungsbefugt auch gegenüber den Bischöfen. Sie sind aber – in der Theorie – nicht seine »Beamten«, sondern leiten aus eigenem Recht als Nachfolger der Apostel ihre Bistümer.

Das vom Amt her geprägte Verständnis der Kirche als hierarchisch-zentralistisch organisierter »Heilsanstalt« – eine Folge des Ersten Vatikanischen Konzils (1870/71) und seines Dogmas von Primat und vom unfehlbaren Lehramt des Papstes – hatte schon lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil den Unmut der Theologen und des Kirchenvolkes genährt. Seit den 1920er-Jahren bekam es einen Kontrapunkt in der Wiederentdeckung des biblischen Bildes von der Kirche als dem »mystischen Leib Christi« – wobei aber die hierarchische Ämterstruktur der Kirche nicht infrage gestellt wurde. War diese andere Sicht mehr als nur eine schöne mystische Wirklichkeit über den Köpfen?

Die Konzilskonstitution »Lumen gentium« legt das neue Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche dar. Sie definiert Kirche als die Gemeinschaft der Gläubigen, als »Volk Gottes« auf dem Weg durch die Zeit. In dieser ständig zu reformierenden Kirche hat das »gemeinsame Priestertum« Vorrang vor den kirchlichen »Ständen« und Ämtern.

Nach dem Konzil: Lumen gentium (»Licht der Völker«), verabschiedet 1964, definiert die Kirche durch drei Kernbegriffe: »Volk Gottes«, »Sakrament« und »Communio« (Gemeinschaft). Das Wort »Sakrament« bedeutet hier die Überwindung des vorkonziliaren Kirchenbildes: Als »Sakrament« ist die Kirche Instrument in der Hand Gottes, kein Selbstzweck.

»Volk Gottes« sollte in den ursprünglichen (römischen) Entwürfen die Laien b

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