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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2012
Verloren im Vatikan
Ein Reformkonzil wird 50
Der Inhalt:

»Kehrt der Krieg zurück, war alles umsonst«

von Marc Engelhardt vom 07.09.2012
Mary Fofana, 27, hat sechs Kinder zur Welt gebracht, das erste auf ihrer Flucht in Sierra Leones brutalem Bürgerkrieg

Wenn in unserem Dorf die Sonne aufgeht, bin ich schon lange auf den Beinen. Ich hole Wasser am Brunnen, zünde das Feuer an und koche Tee. Dann wecke ich meinen Mann und meine vier Kinder, die Ältesten zuerst, weil sie zur Schule laufen müssen.

Ich habe sechs Kinder zur Welt gebracht, zwei sind gestorben. Der Älteste, John, hat die Flucht nicht überlebt. Er bekam Fieber, da war er zwei, glaube ich. Es war noch mitten im Bürgerkrieg. Ich war 14, als er geboren wurde. Ein Soldat der Rebellen, kaum älter als ich, ist der Vater. Als ich vor seinen Leuten aus einem Dorf in den Busch geflohen bin, hat er mich erwischt, sich an mir vergangen und mich einfach liegen lassen. Vielleicht dachte er, ich sei tot.

Zur Welt gebracht habe ich John wieder auf der Flucht, eine alte Frau hat mir geholfen. Wir waren irgendwo im Dickicht versteckt, und sie ermahnte mich immer wieder, nicht zu schreien, weil die Rebellen nahe waren. Dann lag mein Kind in meinem Arm und ich war glücklich.

Kurz nachdem John gestorben war, kam der Frieden. Ich bin ohne mein Kind in mein Heimatdorf Bendu zurückgekehrt. Aber hier sah nichts mehr so aus wie früher. Die wenigen Steinhäuser, die noch standen, waren voller Einschüsse, die Lehmhäuser niedergebrannt. Unser Land war zugewuchert mit Unkraut, wir mussten es mit Macheten der Natur wieder abringen. Wir, das waren die Frauen.

Die Männer waren entweder auf der Flucht vor der neuen Ordnung, oder sie waren tot. Meinen Mann lernte ich kennen, als er eines Abends ins Dorf stolperte auf der Suche nach einer Bleibe. Er ist Diamantenschürfer und zog durch das Land. Aber bei mir ist er geblieben. Gemeinsam haben wir das Lehmhaus gebaut, in dem wir heute wohnen.

Wir haben fünf Kinder zusammen, der Jüngste, Alpha, ist erst ein paar Monate alt. Meine zweitälteste Tochter Jennifer ist auch am Fieber gestorben, vor nicht einmal zwei Jahren. Die Ärzte haben gesagt, es war eine Lungenentzündung. Sie war schon tot, als wir im Krankenhaus ankamen. Wir brachen nachts auf, als Jennifers Fieber immer höher stieg. Es ist ein weiter Weg zur nächsten Krankenstation, zwei Stunden sind wir gelaufen, und das war schnell. Aber wir kamen trotzdem zu spät.

Die Ärzte haben uns beschworen, unsere Kinder gegen Krankheiten wie Lungenentzündung impfen zu lassen. Das will ich bei Alpha jetzt auch tun, wirklich. A

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