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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2012
Verloren im Vatikan
Ein Reformkonzil wird 50
Der Inhalt:

»Das ganze Dorf war auf den Beinen«

von Bettina Röder vom 07.09.2012
Lieder für Kommeno: Der Schlagzeuger Günter Baby Sommer und seine andere Botschaft an Griechenland. Ein Gesprächsprotokoll

Begonnen hat alles 2008, als von der jetzigen Situation noch keine Rede war: weder von der Euro-Krise noch den Spannungen zwischen den Deutschen und den Griechen. Damals bin ich in ein griechisches Dorf eingeladen worden, weil man dort ein kleines Musikfestival ausrichten wollte. Das Dorf heißt Kommeno. Es hat 800 Einwohner und liegt zwölf Kilometer südöstlich von Arta an der griechischen Westküste. Weit ab vom Tourismus war es im Dornröschenschlaf über 65 Jahre.

Auf Anraten meines griechischen Schlagzeugerkollegen Nikos Touliatos hatte mich der Bürgermeister eingeladen. Das Festival sollte einen internationalen Anstrich bekommen. Ich reiste am Vorabend an, der Bürgermeister begrüßte mich freundlich und fragte, ob ich etwas von der Geschichte seines Dorfes wüsste. Ich hatte keine Ahnung. Dann erfuhr ich von dem grauenvollen Ereignis: Wenige Tage vor meiner Geburt im August 1943 hatte die deutsche Wehrmacht in dem Ort ein fürchterliches Massaker angerichtet, 317 Dorfbewohner grausam getötet.

Ich wollte sofort wieder abreisen. Ich, als Deutscher, schoss es mir durch den Kopf, könne doch hier unmöglich ein Solokonzert geben, so tun, als wäre nichts. Doch es kam anders. Die schlaflose Nacht im Hotel im nahegelegenen Arta brachte den Sinneswandel. Mir war plötzlich klar: Ich muss mich der Situation stellen. Also fuhr ich zurück, spielte das Konzert und versprach am Ende den Bewohnern, dass ich von nun ab Botschafter ihrer Geschichte und ihres Dorfes sein wollte.

Das war ein sehr vollmundiges Versprechen, denn ich hatte ja noch gar keine Idee, wie ich das realisieren könnte. Also reiste ich auch nicht sofort ab, sondern blieb eine Woche, versuchte zu erfahren, was genau hier passiert war. Am Obelisken im Dorf bekam ich eine Ahnung des Grauens. Bis zu zwanzig Mal steht da der gleiche Familienname. Die jüngsten ein paar Wochen alt, die ältesten 92. In Gesprächen mit den Menschen, habe ich gespürt, wie sie über Jahrzehnte hinweg das alles noch nicht verarbeitet hatten.

Mit dieser schweren Last bin ich dann wieder zurückgefahren. Mir war klar: ich muss ein musikalisches Projekt machen. Was sonst? Ich kann ja nichts anderes als Musik machen, Jazzmusik. Schon im zarten Alter von zwölf Jahren habe ich sie unter Pfeifen und Rauschen auf der Kurzwelle auf der Stimme Amerikas in meiner Heimatstadt Radebeul gehört. Das war in

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