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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2017
Vorwärts, Europa!
Wie die Politologin Ulrike Guérot die EU revolutionieren will
Der Inhalt:

Sag, wie hast du’s mit der Religion?

Die beiden großen Kirchen in Deutschland verlieren weiter Mitglieder. Doch die Statistik birgt Überraschungen

Es gibt Menschen, die sehen an jedem Problem auch eine positive Seite. Offenbar gehört der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dazu. Heinrich Bedford-Strohm deutete die jüngsten Zahlen seiner eigenen und die der katholischen Kirche im Bayerischen Rundfunk so: Ja, beide Kirchen hätten Mitgliederschwund. Das sei nicht schön. »Aber Katstrophenstimmung ist eben auch falsch. Denn anders als vor fünfzig Jahren muss heute niemand fürchten, schief angeschaut zu werden, wenn er sich gegen die Kirchen entscheidet.« Wer sich heute zu einer Kirche zähle, tue dies »aus Freiheit«. Sei das etwa kein Gewinn?

Gewiss ist es das. Dennoch stehen beide großen Kirchen in Deutschland vor einer Realität, die sie in den Gründungsjahren der Bundesrepublik und der DDR nicht kannten und die im Westen bis Ende der 1980er-Jahre ein sehr überschaubares Problem blieb: dem radikalen Abschied vieler Deutscher vom verfassten Christentum.

2016 kehrten mehr als 162 000 Katholiken ihrer Kirche den Rücken; die EKD meldet rund 190 000 Austritte. Nun leben 23,6 Millionen Katholiken und 21,9 Millionen Protestanten im Land. Zusammen machen sie 55 Prozent der Bevölkerung aus. 1950 waren 97 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik Mitglied einer Kirche, in der DDR waren es 92 Prozent.

Schaut man sich die Austrittshöhepunkte über die Jahrzehnte an, so ist zu erkennen: Es sind immer konkrete Ereignisse, die den letzten »Kick« zum Rückzug aus der Kirche geben. Anfang der 1990er-Jahre bekommen die Kirchen die Quittung für die Einführung des westdeutschen Kirchensteuerrechts in ganz Deutschland. 2010 führt die Aufdeckung des Missbrauchsskandal