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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2017
Vorwärts, Europa!
Wie die Politologin Ulrike Guérot die EU revolutionieren will
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Mein Sprungbrett«

Amparo Chumbo (43) arbeitete in Bogotá als Prostituierte. Bis Ordensfrauen sie von der Straße holten

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich hier zum ersten Mal über den Hof geschlichen bin. Ich war hin- und hergerissen, ein Teil von mir wollte zurück auf die Straße, zurück ins Rotlichtviertel von Santa Fé; ein anderer wollte bleiben, weil die Nonnen es ernst meinten, sich um mich kümmerten. Hermanas Adoratrices, ein weltweit tätiger Orden zur Rettung aus der Prostitution, wollte mir eine Chance geben, mich und meine beiden Kinder aus dem Elend der Straßen von Bogotá herausholen – weg von den Drogen und dem Sex gegen Geld. Ich aber konnte kaum glauben, dass sie es ernst meinten, keine Hintergedanken hatten. So etwas kannte ich nicht, ich lebte schließlich damals schon fast die Hälfte meines Lebens auf der Straße. Da versuchen alle, einen über den Tisch zu ziehen.

Wir, die Prostituierten, lebten im Zentrum Bogotás auf der Straße oder in heruntergekommenen Absteigen. Ich war »drauf«, so wie viele andere auch: Habe Rauschgifte wie Marihuana und Bazuco, die kolumbianische Crack-Variante, konsumiert, war aggressiv, verschlossen und lebte von Tag zu Tag, ohne an meine Zukunft zu denken. Hoffnung, die gab es für mich nicht mehr, spätestens seit dem Tod meiner Mutter.

Ich war neun Jahre alt, als sie von der kolumbianischen Guerillabewegung FARC beschuldigt wurde, als Informantin für die Armee zu arbeiten. Sie drohten ihr, und eines Nachts kamen sie vorbei, haben sie quasi hingerichtet. Sie lag vor dem Haus in ihrem Blut, lebte aber noch. Ich habe sie sterben sehen, und als ältestes Kind war ich fortan für den Haushalt unserer Familie und für meine jüngeren Geschwister zuständig. Das war hart, aber viel schlimmer war, dass mein Vater uns allein ließ, um die abgelegenen Feld