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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2017
Vorwärts, Europa!
Wie die Politologin Ulrike Guérot die EU revolutionieren will
Der Inhalt:

»Das kleinste Korn wächst oft zum Baum«

von Anita Rüffer vom 25.08.2017
Sie hat kein Wahlkampfbüro und kaum Chancen, in den Bundestag zu kommen. Doch die will sie nutzen: Verena Föttinger, die Spitzenkandidatin der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) in Baden-Württemberg

Der Ort, in dem sie lebt, heißt fast, wie er ist: Winzeln ist winzig und zwischen Schramberg im Schwarzwald und Oberndorf am Neckar gelegen. Ein Ort, in dem die Telefonnummern noch vierstellig sind. Unter der von Verena Föttinger ist tagelang niemand zu erreichen. Kein Anrufbeantworter, keine Homepage. Über die Landesgeschäftsstelle der ÖDP in Stuttgart erfährt die Journalistin ihre Mail-Adresse. Merkwürdig: Immerhin will Verena Föttinger im September in den Bundestag gewählt werden. Die Ökologisch-Demokratische Partei von Baden-Württemberg hat sie auf Platz eins ihrer Landesliste gesetzt. Als Direktkandidatin im Kreis Rottweil-Tuttlingen hat sie mit dem CDU-Fraktionschef im Bundestag, Volker Kauder, einen mächtigen Gegenspieler.

In ihrem Wohnhaus öffnet eine mädchenhaft wirkende Sechzigjährige mit langen, glatten schwarzen Haaren die Tür. Die zehn Kinder, die sie geboren hat, sieht man ihr nicht an: Das jüngste ist 15 und etwa so alt wie das älteste der acht Enkelkinder. »Am liebsten«, verrät sie auf Nachfrage bei Kaffee und Käsekuchen am rustikalen Holztisch, »würde ich Familienministerin werden.« Damit ist nicht zu rechnen, auch wenn die bundesweit etwa 6000 Mitglieder zählende Partei sogar einen Europaabgeordneten stellt. Aber noch nie seit ihrer Gründung 1982 war die ÖDP in einem Landesparlament, geschweige denn im Bundestag vertreten. Nach der Bundestagswahl 2009 interpretierte sie sich mit 0,3 Prozent der Stimmen zur »erfolgreichsten nichtextremistischen Kleinpartei«.

Extremistisch klingt Verena Föttinger nicht, aber radikal: Sie sieht die Welt am Abgrund mit dem vielen Plastik im Meer, der Verschwendung von Ressourcen, dem Klimawandel, einer ungerechten Handelspolitik, undemokratischen Freihandelsverträgen, einer umweltzerstörenden Landwirtschaft und Familien, die wegen der Familienpolitik mit Krippenausbau und Elternzeit nicht mehr wählen könnten, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Der atomare Super-GAU von Tschernobyl 1989 war für die katholische Theologin der Anlass, sich der ÖDP anzuschließen.

Ohne ein Büro, das ihr zuarbeitet, bereitet sie sich mit »vielen Stunden täglicher Arbeit« auf den Wahlkampf vor, schreibt Texte, tritt auch in größeren Städten des Landes auf, klärt auf, appelliert, diskutiert unverdrossen und will die Zuhörer davon überzeugen, dass der »Mensch vor Profit« gehe und »knallharte Richtungsentscheidungen

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