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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2017
Vorwärts, Europa!
Wie die Politologin Ulrike Guérot die EU revolutionieren will
Der Inhalt:

Die Falle des Nihilismus

von Michael Schrom vom 25.08.2017
Nach den Attentaten von Charlottesville und Barcelona: Wie kann die freie Gesellschaft überleben?

Die unfassbaren Anschläge von Charlottesville und Barcelona stellen uns vor die Frage: Funktioniert politische Öffentlichkeit heute am besten durch eine möglichst brutale, welterschütternde Tat? Der Islamist, der sich als Gotteskrieger fühlt und mit einem Lieferwagen in die Menge rast, und der Nazi, der auf dieselbe barbarische Weise Andersdenkende umbringt: Beide fühlten sich offenbar berufen, eine – wahnsinnige – Mission zu erfüllen. Und beide können sicher sein, dass ihre Taten weltweit die Gespräche dominieren, vom Stammtisch bis zur obersten Ministerrunde. Auch mit Nachahmern ist zu rechnen. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Echo, mehr Verstörung ist kaum vorstellbar.

Natürlich werden jetzt wieder die Werte der freien Gesellschaft beschworen und demonstriert. Das ist ja auch wichtig und richtig. Doch das Gift des Terrors wirkt langsam, aber stetig. Mit jedem Anschlag wächst der Zweifel am Zukunftsversprechen der Demokratie als Voraussetzung für eine freie und liberale Gesellschaft. Jedes Konzert, jedes Volksfest, jede Demonstration, muss unter dem Aspekt der Sicherheit betrachtet werden. Wohin das führen kann, zeigt ein Beispiel aus Australien. In Sydney hat der Stadtrat den Bau einer Synagoge in der Nähe eines beliebten Badestrandes verboten. Mit der Begründung, eine Synagoge sei ein potenzielles Anschlagsziel, daher sollte man sie nicht in Strandnähe bauen. In der Türkei lässt sich beobachten, wie sehr Terror als Vorwand dienen kann, mithilfe der Demokratie demokratische Errungenschaften abzuschaffen.

Religion kann dabei eine fatale Rolle spielen, denn sie bietet Anknüpfungspunkte für die Verächter weltoffener Gesellschaften. Der spanische Islamist wurde in einer Kleinstadt-Moschee radikalisiert. Ob der Attentäter von Charlottesville sich selbst als religiös bezeichnet hat, wissen wir nicht. Aber es ist wahrscheinlich, dass er den religiös verbrämten Verheißungen des Ku-Klux-Clans geglaubt und in der menschenverachtenden Ideologie der Nazis eine »Wahrheit« erkannt hat. In beiden Denkwelten wird ein Verständnis von Religion sichtbar, das dazu dienen soll, homogene Gesellschaften herzustellen. Religion soll als Kitt wirken, der die Gemeinschaft zusammenhält und vor Fremden schützt. Solch ein Verständnis von Religion wird niemals ein Motor der Demokratie sein, weder freiheitsliebend noch friedensstiftend.

Ein ganz anderes Verständnis von Religion hat jüngst d

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