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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2016
Schwester Kuh
Was wir den Tieren schulden
Der Inhalt:

Hier bin ich Mensch, hier fahr ich Rad

Essay. Stellen wir uns eine Stadt vor, in der die Straße den Radfahrern gehört. Na gut, abgesehen von Taxis, Bussen, Lieferwagen, Polizei- und Rettungsfahrzeugen. Die Stadt so zu verändern, das ist der erste Schritt zur Utopie, die der französische Ethnologe Marc Augé in seinem Buch »Lob des Fahrrads« beschreibt. Darin schwärmt der Achtzigjährige über die derzeitige Renaissance des Fahrrads und preist den Humanismus des Radfahrens.

Augé beginnt seine Kulturgeschichte des Fahrrads im Frankreich der 1930er-Jahre: Beim Proletariat als simples Transportmittel beliebt; durch die Tour de France und ihre Helden als Sport gefeiert. Doch dann kam die Krise: Wie die Arbeiterschaft schwand, so spielte auch das Rad als Fortbewegungsmittel der Massen keine Rolle mehr. Der Profi-Radsport habe durch Dopingskandale und Kommerzialisierung an Strahlkraft verloren, legt der Ethnologe dar.

Humorvoll und ernsthaft zugleich entwirft Augé dann eine Utopie der »Vélo Liberté«, der Fahrradfreiheit, in der nicht nur der Radsport wieder menschlicher wird, sondern auch wir im Alltag menschlicher werden. Denn Radfahren heißt für ihn, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen kennenzulernen. Aber eben auch: Mit anderen in Kontakt treten, sich auf Augenhöhe begegnen. Zwei Radler schauen sich direkt an, nicht durch eine Autoscheibe getrennt.

In dieser Utopie werden Straßen wieder zu sozialen Räumen. Es herrscht Wohlwollen zwischen Radlern, Taxifahrern und Verkehrspolizisten, Klassenschranken verschwinden. Am Ende von Augés gewagtem Entwurf steht gar ein dritter Weg zwischen Liberalismus und Sozialismus, »dessen vornehmliches Ziel das Glück des Einzelnen