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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2016
Schwester Kuh
Was wir den Tieren schulden
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Autobahnfreunde

Das Auto ist ein guter Ort zum Schweigen. Und ein noch besserer zum Reden. Man sitzt eng zusammen, ist aber nicht gezwungen, sich die ganze Zeit in die Augen zu schauen. Es ist ruhig, draußen fliegt Landschaft vorbei, und nicht selten entfernt man sich gerade räumlich von einem Stressfaktor. Ich fahre gern Auto, habe aber keins. Das macht nichts. Es gibt schließlich eine lustige Alternative: die Mitfahrgelegenheit.

Früher bin ich oft bei Leuten eingestiegen, die mir eine Internetseite vermittelt hat. Den Begriff der »Sharing Economy« gab es noch gar nicht, aber genau darum ging es: etwas zu teilen, in diesem Fall ein paar Kubikmeter Luft in einem rollenden Blechgehäuse. 15 Euro nach Köln, 30 nach Berlin, 35 nach Hamburg. Unschlagbar. Heute bin ich keine Mittzwanzigerin mit freien Wochenenden mehr. Und mache das nur noch manchmal. Denn meine Kinder sind zwar die süßesten und tollsten Wesen der Welt, aber als Auto-Mitfahrer kann ich sie nur eingeschränkt empfehlen. Vor allem kommen sie mit »Bibi-und-Tina«-CDs im Gepäck. Ich wette, wir würden von unserem Fahrer schon beim Titelsong (»Das sind Bibi und Tina, auf Amadeus und Sabrina, sie reiiiiiiten im Wiiiind«) am nächsten Rastplatz rausgeworfen. Schade eigentlich.

Aber neulich war ich gefühlt wieder Mitte zwanzig. Meine Familie versicherte mir, ein Wochenende ohne mich auszukommen. Eine Freundin in Berlin feierte ihren vierzigsten Geburtstag. Meine Reise buchte ich bei einem Anbieter namens BlaBlaCar. Am Steuer eines mittelalten silbernen Audis saß dann Johannes, der eine ganz alte Jeansjacke trug. Ich mochte ihn sofort. Neben ihm nahm eine Jana Platz, hinter ihm ein Jürgen. Und ich.

Johannes nimmt wöchentlich Leute im Auto mit und kann eine Menge berichten: von Rückbanktrinkern, Lebensgeschichten-Erzählern und bleichen Studenten, freitags müde von der Uni, sonntags müde vom Feiern. Er fährt immer die gleiche Strecke: Frankfurt–Berlin, rund 400 Kilometer Autobahn. Johannes ist Urfrankfurter und Zwangsberliner. Er leidet sehr. Und verpasst kein einziges Heimspiel der Eintracht. Ich bin gerührt.

Einer steuert das Auto, die anderen sorgen dafür, dass ihm nicht langweilig wird: Das ist der Deal beim Mitfahren, bezahlt wird mit Geld und Unterhaltung. Sehr nachhaltig und zukunftsweisend. Im Jahr 2020 werde ein Fünftel der Autofahrenden keinen eigenen Wagen mehr n

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