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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2014
Frieden schaffen – mit Gewalt?
Der Inhalt:

Mord auf dem Schulweg

von Cecibel Romero vom 29.08.2014
US-Präsident Barack Obama will Jugendliche aus Zentralamerika ermuntern zu bleiben, statt zu Tausenden in die USA zu fliehen. Doch zu Hause bleiben kann tödlich sein

An einem Freitag kam der elfjährige David Ernesto Orellana nicht von der Schule nach Hause. Nach dem Unterricht hatte er, wie jeden Tag, noch Mais fladen für seine Großmutter gekauft. Die Verkäuferin war die letzte, die ihn lebend sah. Als er gegen Abend noch immer nicht aufgetaucht war, machte sich die Großmutter Sorgen und schickte die Nachbarn los, um den Jungen zu suchen. Die Nachbarn suchten Davids Schulweg ab. Sie brauchten nicht lange, da fanden sie seine Leiche – notdürftig verscharrt. Kopf und Hände abgetrennt, der Rumpf in der Mitte durchgeschnitten. Als Täter vermutet die Polizei Mitglieder der gefürchteten Maras, der Jugendbande »Barrio 18«.

Seit ein von Regierungsvermittlern ausgehandelter Waffenstillstand zwischen den beiden großen Mara-Verbänden, dem Barrio 18 und der »Mara Salvatrucha«, zusammengebrochen ist, werben die Banden immer aggressiver neue Mitglieder, besonders Minderjährige. Denn die sind strafunmündig. Werden sie nach einem Verbrechen geschnappt, sind sie meist nach ein paar Tagen wieder frei. Als »Aufnahmeprüfung« in so eine Bande wird vom Aspiranten oft verlangt, einen Familienangehörigen umzubringen. Viele Kinder weigern sich – und werden dann selbst Opfer eines Mordes. Immer mehr junger Salvadorianer fliehen deshalb nach Mexiko oder in die USA, wo oft bereits ihre Eltern leben, auch die Eltern von David Ernesto Orellana.

Fast 60 000 minderjährige illegale Einwanderer wurden seit Oktober 2013 an der Südgrenze der USA ohne Begleitung von Erwachsenen aufgegriffen. Die meisten kamen aus Honduras, El Salvador und Guatemala. Bei einer Umfrage des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR gab die Hälfte dieser Kinder und Jugendlichen an, sie seien zu Hause bedroht worden. Allein in El Salvador – ein Kleinstaat der Größe Hessens mit rund sechs Millionen Bürgern – zählen die Maras rund 60 000 Mitglieder. Das sind etwa dreimal so viele, wie das Land Polizisten hat, und oft sind die Jugendbanden besser bewaffnet. Nicht einmal jeder zehnte ihrer Morde wird aufgeklärt, und das sind sehr viele: Allein im vergangenen Jahr wurden in Guatemala, Honduras und El Salvador 15 328 Tötungsdelikte gezählt. Mindestens die Hälfte davon lastet man den Maras an.

Angesichts dieser Gewalt verlieren die Lebensgefahren der Flucht in den Norden an Schrecken. Vor allem der Weg durch Mexiko ist gefährlich. Jedes Jahr werden dort Tausende Flüchtlinge

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