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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2014
Frieden schaffen – mit Gewalt?
Der Inhalt:

»Krieg ist niemals gerecht«

von Britta Baas vom 29.08.2014
In Syrien und im Irak ist kein Mensch mehr vor mordenden Islamisten sicher. Wie kann man sich gegen sie verteidigen?Und was lehrt der Islam über den Weg zum Frieden? Ein Gespräch mit dem Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi

Publik-Forum: Herr Professor Karimi, in den Krisenregionen der Welt behaupten Gruppen wie Islamischer Staat (IS) oder Boko Haram, Krieg nach dem Buchstaben des Korans zu führen. Ist Fundamentalismus eine Krankheit des Islams?

Ahmad Milad Karimi: Fundamentalismus ist keine genuin islamische Erscheinung. Er ist eine Weltanschauung, die es auch in anderen Kulturen, Religionen und Gesellschaften gibt. Fundamentalisten begründen ihre politischen Machtinteressen religiös. Die Besonderheit der IS-Kämpfer ist, dass sie glauben, unmittelbar zu verstehen, was sie im Koran lesen, und dass sie sich selbst Titel und Autorität verleihen, was eigentlich lächerlich ist, wenn es nicht so dramatisch wäre. Sie gehen davon aus, dass es neben ihrem Verständnis des Korans kein anderes geben kann, und sie machen mit ihrer Auslegung Politik.

Würden Sie sagen: IS kidnappt den Koran?

Karimi: Ja. Der Koran ist für diese Leute ein Mittel zum Zweck. Wenn IS, Al Quaida, Boko Haram und wie sie alle heißen, sich die Mühe machen würden, ihre Pläne und Ziele argumentativ darzulegen, brauchten sie so etwas wie ein Parteiprogramm. Dieser anstrengende und komplizierte Weg lässt sich enorm verkürzen, wenn man einfach behauptet: »Weil wir Muslime sind, ist es unsere Glaubenspflicht, alle Nichtmuslime zu töten.« Dann braucht man keine Programme mehr. Dann erübrigt sich auch jede Debatte um das Für und Wider der Gewalt. Denn sie ist ja scheinbar von vornherein begründet.

Warum bedienen sich die Kämpfer ausgerechnet des Islams? Gibt es in ihren Augen keine attraktivere Ideologie?

Karimi: Es gibt keine andere Konzeption, die so fraglos für wahr gehalten wird. Wenn sie zum Beispiel auf den Marxismus zurückgriffen, könnten Leute kommen, die sagen: »Der Marxismus muss nicht die Wahrheit sein, es gibt auch andere Wahrheiten.« Aber wenn der Islam als eine Erscheinung angenommen wird, die von Gott her bestimmt ist, ist er wahr. Voll und ganz. Er braucht keine weiteren Begründungen. Und da der Islam in den Regionen, in denen gekämpft wird, sehr präsent ist, kann ein IS-Ideologe sein Ziel schnell erreichen. Nichts dringt schneller in die Herzen ein als Religion.

Im Islam gibt es kein

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