Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2014
Frieden schaffen – mit Gewalt?
Der Inhalt:

Gemeinde im Wohnwagen

von Monika Herrmann vom 29.08.2014
Evangelische Arbeitergeschwister damals: Willibald Jacob wollte zu Zeiten der DDR eine Kirche, die von den »ganz normalen Leuten« lernt

Ein Pfarrer im Ruhestand ist er, aber nicht irgendeiner. Willibald Jacob, 82 Jahre alt, war mal Arbeiterpfarrer. Und zwar in der alten DDR. Einer, der wochentags im VEB arbeitete und sonntags in der Gemeinde predigte. Arbeiterpfarrer sei er immer noch, darauf legt er Wert. Wenn der evangelische Theologe von seinem ungewöhnlichen Weg erzählt, glänzen seine Augen und er möchte am liebsten gar nicht mehr aufhören mit all den Erinnerungen an diese Zeit. Seine Wohnung in Berlin-Weißensee ist vollgestopft damit: Akten, Bücher, Bilder und Andenken.

Wenn Jacob Journalisten seine Arbeiterpfarrer-Zeit erklärt, holt er weit aus. In der Nachkriegszeit fing alles an. Pfarrer, die zur »Bekennenden Kirche« gehörten, lebten in der Tradition des Theologen Dietrich Bonhoeffer und des Kirchenpräsidenten Martin Niemöller. Pfarrer sollen von den Spenden der Gemeinde und eventuell von ihrer Hände Arbeit leben, hatte Bonhoeffer ihnen mit auf den Weg gegeben. Für einige der jungen Theologen wurde dieser Weg zur Richtschnur. Im Osten wie auch im Westen des Landes.

»Wir wollten weg von der bürgerlichen Kirche und als ganz normale Arbeiter in Betrieben tätig sein. Wir wollten lernen von den Arbeitern, den Bauern und den ganz normalen Leuten«, sagt Jacob. Er und viele Mitstreiter ließen sich von Horst Symanowski auf diesem Weg begleiten, einem Pfarrer der Bekennenden Kirche, der die Theologen zu diesem Leben als Arbeiterpfarrer ermutigte und ausbildete. Es entstand eine radikale Reformbewegung innerhalb der evangelischen Kirche.

»Viele Kirchengebäude waren im Krieg zerstört worden, die Menschen hatten sich von Glaube und Kirche entfernt«, erzählt Jacob und, dass er und andere Theologen versuchten, diese Menschen trotzdem zu begleiten. Nicht missionarisch, sondern indem sie ihr Leben und ihre Arbeit teilten. »Gemeinde im Wohnwagen« hieß ihr Modell. »Keine kirchlichen Leuchttürme waren das, aber Orte, an denen die Menschen zusammenkamen und ihre Sorgen und Probleme loswerden konnten.« Jacob erzählt von solchen Orten in den brandenburgischen Dörfern und in der ehemaligen Ostberliner Stalin-Allee, von Wohnungen, in denen sich Christen und Nichtchristen trafen, die späteren Hauskreise, die es bis zum Ende der DDR gab.

Und dann ist Jacob gedanklich wieder in seinem ehemaligen VEB: Zwischen 1968 und 1982 war er dort im Straßenbau beschäftigt und zuständig für das Abwasser

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen