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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2014
Frieden schaffen – mit Gewalt?
Der Inhalt:

Todmüde ins Bett

von Monika Herrmann vom 29.08.2014
Evangelische Arbeitergeschwister heute: Thomas-Dietrich Lehmann verdient sein Geld in drei verschiedenen Jobs

Publik-Forum: Herr Lehmann, Kirche und Arbeitswelt – geht das zusammen?

Thomas-Dietrich Lehmann: Eigentlich nicht. Weil die soziale Frage, aus der sich die Entfremdung zwischen Kirche und Arbeitswelt entwickelt hat, eine fast 200-jährige Geschichte hat. Kirche und Arbeitswelt sind getrennte Welten, getrennte Milieus. Kirche ist eine Mittelschichtveranstaltung. Es gibt dort kein Verständnis für die Strukturen der Arbeitswelt.

Sie wollten in diese Welt eintauchen. Wie hat denn Ihre Kirche reagiert, als Sie beschlossen, Arbeiterpfarrer zu werden?

Lehmann: Ich bin 1988 ordiniert worden und habe drei Jahre in einer Westberliner Gemeinde gearbeitet. 1991 habe ich gekündigt, weil ich aus dem kirchlichen Milieu raus wollte. Ich habe weiter sonntags gepredigt, aber wochentags mit meiner Hände Arbeit Geld verdient. Das tue ich bis heute. Dieses Modell ist im Pfarrerdienstrecht relativ neu, aber meine Kirchenleitung hat diesen Weg akzeptiert und mir gleichzeitig ein Rückkehrrecht in die verfasste Kirche zugesichert.

Wie ging es weiter? Auch ein Arbeiterpfarrer muss ja von irgendetwas leben?

Lehmann: Es gab zuerst einen kleinen Druckbetrieb, der mich genommen hat, als Angelernten, nicht als Facharbeiter. Klar, das war ein finanzieller Abstieg ins Existenzminimum. Aber ich kam zurecht, lebte damals im politischen Milieu besetzter Häuser in Berlin, hatte nur eine geringe Miete zu zahlen und war alleinstehend, ohne große Ansprüche. Der weitere Weg hat dann meine Rücklagen verschlungen und mich in die Verschuldung getrieben. Dazu der Reallohnabbau, der in diesem Land ja bis heute das große Thema geblieben ist, leider. Das ist die Umverteilung nach oben.

Kommen Sie mit anderen Arbeitern in der Gemeinde in Berührung?

Lehmann: Nein, denn die Gemeinden bestehen – immer noch – überwiegend aus Mitgliedern der Mittelschicht. Für mich bleibt es ein Spagat: Sonntags stehe ich auf der Kanzel und wochentags bin ich als Taxifahrer oder Guide in der Stadt unterwegs. Ich habe körperlich gemerkt, was es heißt, Schichtarbeit zu machen. Ich komme abends nach Hause und falle todmüde ins Bett. Geistige Anstrengung muss unter solchen Bedingungen anders organisiert werden als bei einem Geistprofi. Das i

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