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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2011
Auf Leben und Tod
Streit um die Organspende
Der Inhalt:

Die Liebe geht durchs Ohr

von Johanna Haberer vom 23.08.2011
Musik ist Predigt. Sie erzählt von Gott. Sie macht still, sie rührt an, sie öffnet das Herz, sie bewegt unseren Geist, sie macht uns fröhlich, sie gibt unseren Klagen eine Sprache, sie zeigt uns, was Demut ist

Der musikalisch hoch talentierte Bergjunge Johannes Elias Alder durchleidet als Fünfjähriger in einer einzigen Nacht den ganzen Prozess der Pubertät. Nun besitzt er eine Bassstimme, gelb-leuchtende Augen und vor allem ein übernatürlich feines Gehör. In dieser Nacht hört er an dem wasserverschliffenen Stein, zu dem er sich hingezogen fühlt, den Herzschlag eines Fötus – seiner späteren Geliebten.

»Und abermals vervielfältigte sich sein Gehörkreis, explodierte und stülpte sich gleichsam als ein riesenhaftes Ohr über den Flecken, auf dem er lag. Horchte hinunter in hundert Meilen tiefe Landschaften, horchte hinaus in hundert Meilen weite Gegenden. Über die Klangkulisse der eigenen Körpergeräusche zogen mit wachsender Geschwindigkeit um vieles gewaltigere Klangszenarien. Szenarien von ungehörter Pracht und Fürchterlichkeit. Klangwetter, Klangstürme, Klangmeere und Klangwüsten.«

Was Robert Schneiders Hauptfigur aus dem Roman »Schlafes Bruder« hier erfährt, verdichtet in zugespitzter Weise, was wir alle erleben können: Im Hören erschließen sich uns Rhythmen, Gründe und Abgründe des Lebens.

Was es bedeutet zu hören, weiß der berühmte Jazzmusiker Hans Joachim Behrendt besonders gut und genau. Er schreibt eine beinahe spirituelle Meditation über das Wunder des Hörens in seinem Buch »Das Dritte Ohr«. Ich höre, also bin ich, ist sein Motto: »Hören ist das erste und letzte Tun des Menschen. Wer auf die Welt kommt, kennt die Stimme seiner Mutter längst. Wer im Sterben liegt, auch wenn die Augen versagen, auch wenn der Atem bricht, hört, was um ihn geschieht bis zum letzten Atemzug. Sterbende – sagt man – hören in den letzten Stunden ihrer irdischen Existenz besonders gut.

Wenn ein winziger Mensch 0,9 Zentimeter groß ist, wachsen ihm die Ohren. Am 135. Tag hat das Hörorgan, die Innenschnecke Cochlea, ihre definitive Größe erreicht. Sie wird nicht mehr wachsen. Durch sie zieht die Seele ein in einen Menschen. Die Musik, die Liebe und Gott gehen durchs Ohr. Auch die Gedanken – Vernunft kommt von vernehmen.

Das Hören ist meine Verbindung zur Welt. Ich höre den sanften Regen zur Nacht, den Wind in den Bäumen, ich höre das leise Zittern in der Stimme meines Kindes, ich höre, wenn es Kummer hat, ich höre es, wenn Gefahr droht, ich höre es, wenn mir ein anderer wohlgesinnt ist, ich höre das Rauschen der Wellen am Meer und die Worte der

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