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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2011
Auf Leben und Tod
Streit um die Organspende
Der Inhalt:

Der Ketzer und der Antichrist

von Hans-Georg Link vom 23.08.2011
Noch immer gibt es Probleme zwischen evangelischer und römisch-katholischer Kirche. Bringt der Papstbesuch in Deutschland neue Anstöße? Erwartungen von protestantischer Seite

Die meisten evangelischen Christen in Deutschland haben vermutlich bis heute eine kritische oder gar ablehnende Einstellung zum Papsttum. Das hängt zunächst mit der Exkommunikation Martin Luthers und seiner Anhänger zusammen, die von Papst Leo X. am 3. Januar 1521 in seiner Bannbulle Decet Romanum Pontificem feierlich verkündet worden ist. Bis zum heutigen Tag ist sie von Rom weder mit einem Wort des Bedauerns kommentiert noch gar zurückgenommen oder außer Kraft gesetzt worden. Streng kirchenrechtlich betrachtet befinden sich Luther und seine Anhänger, also heutzutage rund siebzig Millionen Angehörige evangelisch-lutherischer Kirchen, offiziell noch immer im katholischen Kirchenbann.

Auch hat Luthers frühe Bezeichnung des Papstes als »Antichrist« bis heute emotionale und theologische Auswirkungen. Natürlich war der Begriff Antichrist von Luther damals auch in polemischer Absicht gewählt worden. Dieser apokalyptisch-emotionale Unterton wirkt in der protestantischen Haltung zum Papsttum bis heute nach. In erster Linie ist dieser Begriff für Luther eine Kurzfassung seiner theologischen Kritik am Papsttum seiner Zeit: Der Papst beansprucht das Auslegungsmonopol für die Bibel; er stellt seine neuen Glaubenslehren und Forderungen auf eine Stufe mit dem Evangelium und den Geboten Gottes; er fordert Gehorsam ihm selbst gegenüber statt gegenüber Gott. Insofern ist nicht Christus der Herr der Kirche, sondern der Papst, folglich ist er der Anti-Christus.

Das Papstthema wird auf evangelischer Seite noch dadurch verschärft, dass es in den Schmalkaldischen Artikeln von 1537, die zu den evangelischen Bekenntnisgrundlagen gehören, auf derselben Linie wie bei Luther ablehnend zur Sprache gebracht wird. Auch hier wird der Papst als »der Widerchrist« (Antichrist) bezeichnet. Bis heute belasten also emotionale, polemische, kirchenrechtliche und theologische Probleme die evangelische Einstellung zum Papsttum.

Von katholischer Seite ist lange Zeit nichts unternommen worden, um die reformatorische Kritik am Papsttum zu entkräften. Im Gegenteil: Die Festschreibung päpstlicher Machtansprüche erreichte auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870 mit der Erklärung päpstlicher Unfehlbarkeit und des Jurisdiktionsprimates, also der Ausübung universaler Macht, erst ihren Höhepunkt. Das katholische Kirchenrecht von 1917 und leider auch noch

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