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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2018
Himmlische Klänge
Musik als spirituelle Kraft der Religionen
Der Inhalt:

Hiroshima und die Kraft der Stille

»Lasst uns in Frieden leben«: Das ist der Ruf der Glocke im Park von Hiroshima. Dort, wo die erste Atombombe explodierte. Ein Besuch in Japan

Der Osten weiß mehr um die Stille als der Westen«, lese ich in meinem Lieblingsbuch. Sein Autor, Karlfried Graf Dürckheim, fand die Stille in Japan. Die Japaner verhalfen ihm zur »Urerfahrung, dass dem Menschen dort, wo er still zu werden vermag, das wahre Glück aufgeht – und wo ihm das wahre Glück aufgeht, er still wird«.

Dieses Buch fesselte mich seit Langem und lockte mich nach Japan. In Hiroshima angekommen, entdecke ich zunächst eine ganz andere Stille – Stille des Entsetzens. Im Friedenspark, an dem Ort also, wo 1945 eine der beiden US-amerikanischen Atombomben explodierte, lauscht eine Gruppe von fünf Frauen gebannt den Schilderungen eines einzelnen Demonstranten. Ein 72-Jähriger erzählt von seiner mit ihm schwangeren Mutter, wie sie verstrahlt wurde, ihn noch zur Welt brachte und bald darauf starb. Sein Appell heute: Schluss mit Atomwaffen auf der ganzen Welt! Er zeigt Bilder seiner niedergebrannten Stadt. Nur der »A-Bomb-Dome«, die ehemalige Handelskammer, blieb stehen – wie ein angeschlagener Boxer, der einfach nicht umfallen will. Es wird an diesem Ort nicht diskutiert, nicht geklagt, nicht gelacht, es liegt ein Erschauern vor dem Unfassbaren in der Luft. In der Stille ertönt die Friedensglocke: »Lasst uns in Frieden leben«, ruft sie.

Es ergibt sich, dass ich mit einem älteren Besucher des Parks ins Gespräch komme. Der Mann kommt jeden Tag und füttert Vögel. In seiner offenen Hand bietet er Sperlingen Brotkrumen an, und sie kommen, setzen sich aufin seine Hand und picken die Bröckchen. Es ist die Zeit vor dem Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. Der alte Mann ist besorgt über die US-amerikanische Kriegsflotte, die Trump gerade in die Region entsende